DEUTSCHLANDREISE 2021

Fenster auf - Rübe raus!
Ich will zurück nach Westerland!



Reise durch eine Republik im Zeichen des Corona-Testes.



Prolog:
Darf man reisen? Soll man reisen? Fragen, die sich im Sommer des Jahres 2021 stellten, wenn es um die Ausgestaltung freier Tage außerhalb der fußläufigen Erreichbarkeit der eigenen Pfarrei ging. Das Corona-Virus hatte das Land fest im Griff. Zwar nicht mehr so fest wie in den Wintermonaten vorher, aber ein Gespräch, eine Diskussion ohne das Thema "Corona" war quasi unmöglich. Doch wurden im Frühjahr 2021 zaghaft Lockerungen wirksam, wurde wieder etwas mehr Freizügigkeit erlaubt und Manches auch wieder "moralisch legitim", wofür man zuvor noch als Leichtsinnig oder Verantwortungslos geächtet wurde.

Natürlich: in jedem Zug sollte selbstverständlich ein Stückweit die Umsicht mitfahren, was auch meinen Mitreisenden und mir recht gut, fast automatisch, gelang. Man saß im selben Boot, und nur wenige ruderten gegen den Strom. Das war sehr angenehm zu erfahren. Gerade nach den Schauergeschichten in manchen Medien und sogar der Bundeskanzlerin, wonach man quasi schon beim Anblick einer Eisenbahn bereits so gut wie infiziert sei. Aber ich musste weder morgens halb acht in die S-Bahn oder am Sonntag Abend in den ICE nach Berlin steigen. Das zu vermeiden schaffte auch für einen selbst ein Gefühl der Sicherheit. Ein Virus ist nun einmal da, auch wenn man es nicht sieht. Und die große Impfwelle, sie lief im Frühsommer 2021 gerade erst an. Als "Normalo", also kein Senior oder einer Risikogruppe angehörig, bekam ich die ersehnten Pikse erst nach meiner Reise. Auf diese Situation musste ich mich einstellen, und - soviel sei gesagt - es gelang überraschend gut. Wirklich beeinträchtigt gefühlt habe ich mich "durch Corona" jedenfalls so gut wie nie.

Allerdings lief neben der Fahrplanung deshalb auch stets die Testplanung mit. Wo lässt sich ein Corona-Test durchführen? Jener gab mir, ein negatives Testergebnis vorausgesetzt, dann doch immer ein Stückweit die Normalität, die "Freiheit" von vor 2019 zurück. Denn ansonsten hieß es in der unübersichtlichen Regelungs-Vielfalt der Bundesländer oft "kein Test - keine Unterkunft", ja, mitunter nicht einmal einen Gaststättenbesuch. Doch diesen kostenlosen Preis für die Freiheit zwischen Flensburg und Freilassing war ich gerne bereit zu zahlen, dito das Tragen der Maske, die ich bald schon kaum noch merkte. Oft ertappte ich mich dabei, auch vor dem Bahnhof noch den "Mund-Nasen-Schutz" vor dem Gesicht spazieren zu führen. Oh je, so weit ist es gekommen...

Die Reise fand 2021 nicht in einem Stück statt, sondern als mehrere Mehrtagestouren. Dazwischen ging ich auch das ein- oder andere Mal arbeiten, familiäre Termine riefen, oder andere Gründe veranlassten mich zu einer vorüber gehenden Rückkehr in die eigenen vier Wände. Diese "Werkstattanbindungen" sind nicht alle dargestellt, sodass der Reisebericht wie in einem Reise-Rutsch durch unser schönes Land daherkommt.

Durch ein Land, in dem es überall noch so viel zu entdecken gibt! Einsteigen bitte!


Quelle: ältere Streckenkarte der DB.

Tag 1:
Der erste Tag führt - für eine derartige Tour eher ungewöhnlich - von meiner Wahlheimat im Vorhof Stuttgarts erst einmal nach Süden, wo das Land ja bald zuende ist. Ziel ist Freiburg im Breisgau, für viele ohnehin die Versinnbildlichung von "Sommer". Und für manch ein eher gemäßigte Grade nebst leichten Wind gewohntes Nordlicht in ebendiesen Sommern oftmals schon viel zu heiß. Dafür kann man dort mitunter auch schon Ende Februar draußen im Café sitzen, und das völlig ohne Klimakatastrophe. Mein heutiger Reiseanlass ist aber weniger katastrophal, und Februar ist auch nicht mehr: Ich möchte mich mit Christian treffen, Redakteur beim "Eisenbahn-Kurier", seit vielen Jahren ein guter Bekannter und erfreulich entspannt im Umgang mit dem Hobby, das er zum Beruf gemacht hat. Die Temperaturen sind sehr menschenfreundlich, die Sonne lacht - perfektes Stadtwetter. Wir laufen durch die Stadt, fahren mit der Überlandbahn nach Günterstal am Fuße des Freiburger Hausbergers "Schauinsland", besuchen den Münster-Markt und degustieren eine ökologisch nachhaltig produzierte Bio-Bratwurst. Freiburg eben, "Green City". Natürlich gibt es viel zu erzählen, denn deswegen bin ich ja hier.
Wer in Freiburg ins Bächle tritt, so heißt es, muss einen Freiburger (m/w/d) heiraten. Diese Straßenbahn kam aber als Solowagen.


Münster. Nicht die Stadt, sondern der gotische Prachtbau im Herzen der Stadt Freiburg.


Auch das ist Freiburg: Stadtteil Günterstal. Das nicht ganz StVO-konforme Schild links gemahnt an jene Radfahrer, die hier bereits über den Lenker abgestiegen sind.


Am Nachmittag beenden wir den kommunikativen Austausch am Hauptbahnhof. Dort bringt mich Christian noch zum Zug - aber nicht zu irgendeinem Zug, neinnein, sondern zum frisch mit dem Namen "Bundesrepublik Deutschland" (<- hier müsste eigentlich ein Ausrufezeichen stehen) geschmückten ICE4.
´Schland! Außen und innen.




Der ICE "Bundesrepublik Deutschland" (<- hier müsste eigentlich ein Ausrufezeichen stehen) bringt mich nach Karlsruhe. Dort, in der badischen Residenz, treffe ich mich mit Daniela. Wir kennen uns noch aus dem Studium in Dresden, also seit gefühlt kurz vor der Sintflut, aber der Kontakt besteht noch bzw. wieder. Jedenfalls hat es uns beide ins Ländle verschlagen, und dieses gemeinsame, aber durchaus erträgliche Schicksal wird bei gelegentlichen Treffen gewürdigt. Doch vor die Feier hat der Landesgesundheitsminischda (der allerdings unüberhörbar ein gebürtiger Bayer ist) den Corona-Test gestellt. Vorher gibt´s in Ba-Wü im Sommer 2021 nix zu Beißen, was über einen ambulanten Döner am Stehimbiss hinaus geht.

Daniela hat präventiv schon einmal eine Teststation im Zentrum der Fächerstadt ausfindig gemacht, und zu diesem Behufe steuern wir nun eine Tiefgarage an. Eine Tiefgarage! Wann war ich, kein Auto, das letzte Mal in einer Tiefgarage? Egal. Doch entweder machen Autoabgase aggressiv, oder die Teststation-Mitarbeiter haben Angst, dass sie hier unten eher an einer Kohlenmonoxyd-Vergiftung als an Corona sterben. Jedenfalls wird neben dem Nasen- auch noch ein Rachenabstrich genommen, bei dem mir der junge Mann gefühlt bis in den Blinddarm durchsticht. Aber auch all das (Abgase, Corona, Rachenabstrich) wird überlebt, und so finden wir uns zunächst im Freisitz der "Alten Bank" wieder. Anschließend wechseln wir in den Schlossgarten, bis zunächst eine Armada von Mücken und schließlich mein Nachtzug zum Aufbruch drängen.
Geschichtsträchig und feierlich angestrahlt: das Karlsruher Schloss. Die Mücken im Schlosspark müsst ihr euch dazu denken.


Nach der Verabschiedung am Marktplatz radelt Daniela nach Hause und ich fahre mit der Strapazenbahn zum Hauptbahnhof raus. Gegen 23 Uhr gibt sich dort der Nightjet, zu deutsch: die Bahndüse, auf seinem Weg von Zürich nach Norden die Ehre. Die Fahrgastinformation im abendlichen Karlsruher Hauptbahnhof entspricht der eines zentralafrikanischen Entwicklungslandes, denn wo welche Wagengruppe nach Hamburg und Berlin hält, wissen weder die Bahnsteiganzeiger noch die Uffsicht in ihrem Kabäuschen auf dem Bahnsteig, an den der Zug heute außerplanmäßig verlegt wurde. So beginnt bei der Einfahrt erst einmal das große Gerenne der Fahrgäste zu ihren Wagen. Immerhin bleibe ich in meine 3er-Abteil des Schlafwagens die ganze Nacht alleine.
Doch noch gefunden: Mein rollendes Schlafzimmer zwischen Baden und Berlin. Gute Nacht!


Tag 2:
Nach einer Nachtzugfahrt tief unter der Erde im Keller eines Bahnhofes anzukommen, nein, das ist einer solchen Reise unwürdig. Also steige ich schon am Papekreuz (bahnamtlich: Berlin Südkreuz, ehemals Berlin Papestraße) aus und nicht im Tiefgeschoss des Hauptbahnhofes. Die Sonne scheint - hey, so habe ich mir das vorgestellt!

Der nächste offizielle Termin steht erst um 10:30 Uhr an. So steige ich hoch in die Ringbahnhalle und dort in die nächstbeste S-Bahn der Baureihe 480. Diese Züge, noch entwickelt von der Berliner Verkehrs-Gesellschaft (BVG) für die West-Berliner S-Bahn, sehen auch nach über 30 Jahren noch moderner und zugleich zeitloser aus als diese plumpen Taucherbrillen der Nachfolgeserie 481. Allerdings könnte manch ein 480 einmal eine Rollkur vertragen, einige Züge sehen doch schon recht abgewohnt aus.
Auf der Berliner Ringbahn.


Ich fahre in mehreren Etappen nordwestliche Richtung, also im Uhrzeigersinn, bis zur Jungfernheide, schlendere ein wenig am Spreeufer entlang und schaue, was auf der Einflugschneise aus Richtung Spandau so alles nach Berlin herein gerollt kommt. Interessanter Weise gelangt man hier von hinten in den Park des Schlosses Charlottenburg! Dafür habe ich jetzt aber doch keine Zeit, nachdem ich mich fast mit Katharina verquatscht habe. Die wohnt in Potsdam, seit Monaten wollen wir uns treffen, aber damit wird das wohl heute wieder nichts (wir werden es nun in den Tagen nach Weihnachten noch einmal versuchen - mal schauen). Zu erzählen gibt es aber doch sooo viel, und da vergeht die gefühlte Zeit irgendwie schneller als auf der Uhr. So muss ich mich am Ende fast sputen, als ich noch ein Stück weiter mit der S-Bahn im Kreis herum fahre, die Sektorengrenze überquere, beim Bäcker an der Schönhauser Allee ein halbes Dutzend Schrippen lade und weiter zum Ostkreuz fahre.
So viele Schienen! Bei Jungfernheide.


Alles schief, nur der Wasserturm nicht. Weitwinkel am Ostkreuz. Gleich gibt es Frühstück.


Vom Ostkreuz wandere ich ein Stück Richtung Stralau. Hier wohnt Ingulf, den ihr vielleicht schon aus dem Reisebericht 2020 kennt. Ingulf hat vor seinem sog. Ruhestand lange Jahre in führender Position bei DB Fernverkehr gearbeitet, ist Eisenbahner mit Herz und Seele und kennt jeden Zug, jeden Bahnhof und auch jeden Verkehrsminister mit Vornamen. Das Frühstück dauert daher auch deutlich länger als ein normales Frühstück, denn wenn die Entscheidung zwischen Erzählen und Kauen zu treffen ist, ist das Essen mitunter nur zweiter Sieger. Beim Blick von Ingulfs Balkon bekommt man fast maritime Gefühle. Diese Wohnung und vor allem diesen Blick hat er nicht zufällig gewählt - er ist Hamburger durch und durch! So bekomme ich zwischendurch auch mal die eine oder andere Testfrage zu norddeutschen Schiffen gestellt, etwa wie die Fähren der Wyker Dampfschiffs-Reederei heißen oder wo die alte "Baltica", die sommers vor Warnemünde und Heiligendamm schippert, früher fuhr. Offenbar habe ich diese Fragen zur Zufriedenheit des kritischen Fraganten beantwortet, denn ich darf bis in den späten Nachmittag hinein bei Ingulf zu Gast sein.
Wir zitieren aus der Deutschlandreise 2020: Manchmal ist auch Berlin fast so schön wie Hamburg (aber nur manchmal)! Blick von Ingulfs Balkon auf die Spree.


Ingulf bringt mich noch zur S-Bahn am Treptower Park. Dann fahre ich zum Ostbahnhof und von dort mit einem nagelneuen kurzen ICE4 einmal quer rüber nach Köln. Dorthin will bis zum Abend auch Michael aus Stuttgart kommen. Ob das wohl klappt?

Am späten Abend weiß ich: Es hat geklappt! Gegen halb elf Uhr komme ich in Köln an. Michael ist tatsächlich schon da! Sogar der Speisewagen war unterwegs bewirtschaftet. Man musste sich das Essen zwar aus dem SB-Bereich selbst holen und es gab weiterhin nur Papp-Geschirr mit Holzbesteck (immerhin kein Plastik), durfte es dann aber im Restaurantbereich ganz normal verzehren. Da kursieren im weltweiten Netz auch andere Geschichten, von wegen "holen ja, essen nein" - wohl aber 5 Meter weiter am Platz im nächsten Sitzwagen. Zugegeben: Einfach hat es die Eisenbahn da nicht, zumal ja auch in jedem - mitunter sogar nonstop - durchfahrenden Bundesland unterschiedliche Regelungen gelten.

Wir checken auf der Deutzer Seite in einem Hotel ein. Dazu muss man einen maximal 48 Stunden alten Corona-Test nachweisen, natürlich negativ. Ich lege meinen unter schlimmen Qualen durchgeführten Test vom gestrigen Abend aus der Karlsruher Tiefgarage bei der Rezeption vor, Michael einen aus Stuttgart. Die Rezeptionistin scheint nicht die hellste Kerze auf der Torte zu sein, denn sie meint, der Test sei ja gar nicht aus Köln. Ähem... dient ein Hotel in Köln nicht in erster Linie Menschen, die gerade nicht aus Köln kommen? Sie schreibt sich alle möglichen Daten ab, kopiert noch die Ausweise undundund... Gut, dass wir gerade die einzigen Gäste sind, sonst würde die Schlange am Tresen sicher bis zum Dom rüberreichen. Es ist jedenfalls schon Mitternacht, als wir endlich das Zimmer beziehen.


Tag 3:
Der Tag beginnt mit einer Leistungsschau der Berufsfeuerwehr Köln. Die hat ihre Wache unmittelbar gegenüber unseres Zimmerfensters. Eine Drehleiter wird erst vor die Halle gefahren, dann geputzt und schließlich in allen drei Dimensionen ausgefahren. Ganz oben in der Wache befindet sich offenbar die Kantine, denn der Feuerwehrmann am Auto fährt den Korb bis vor die oberen Fenster aus und fordert dann seine dort verweilenden Kameraden mittels Außenlautsprecher auf, ihm ein Getränk in den Korb zu legen.
Leistungsschau der Berufsfeuerwehr Köln. Wir sind dabei!


Was machen wir mit dem Tag? Der Gedanke, ihn in das Zeichen des Heiligen ET (S-Bahn-Triebwagen der Baureihe 420) zu stellen, die in Köln und Düsseldorf fahren, verwerfen wir beim Blick in den gräulich und potenziell nass daher kommenden Himmel. Recht spontan beschließen wir, auf Pfaden deutscher Kultur zu wandeln und nach Bonn zu fahren. Hier, in der ehemaligen Bundeshauptstadt, wollen wir das "Haus der Geschichte" besuchen. Rasch in Köln Hbf mit Frühstücks-Devotionalien eingedeckt und den IC "Bodensee" Richtung Lindau - Innsbruck bezogen, der mit seinen österreichischen Wagen als der nächste Zug nach Bonn im Fahrplan steht. Von Bonn Hbf fahren wir noch eine Station mit dem Bummelzug weiter bis zum Haltepunkt am Uni-Campus und folgen den Wegweisern.
Wegweiser in die alte Bonner Republik.


Einen kurzen Fußmarsch später betreten wir das Gebäude. Das nette Personal begrüßt uns persönlich, der Eintritt ist kostenlos. Das Museum ist richtig gut gemacht. Und selten genug ist es so, dass man im Museum irgendwann an einen Punkt kommt, ab dem die eigene, selbst erlebte Geschichte dargestellt wird. Hier ist das so. Die Epoche des wieder zusammen wachsenden Deutschlands führt immer wieder zu dem "ach ja, so war das!"-Gedanken. Und dass das Gezeigte, in der erlebten Erinnerung noch so gegenwärtig, doch schon viele Jahre her ist. Mal sehen, irgendwann werden in diesem Museum auch Bundeskanzler Olaf Scholz und die Corona-Pandemie stehen.




Anschließend laufen wir Richtung Rheinufer, machen sicherheitshalber einen Corona-Test für eventuelle Übernachtungen und kommen am "Langen Eugen" vorbei, dem ehemaligen Abgeordneten-Hochhaus im typischen Eiermann-Stil. Nach einem Besuch bei Vater Rhein essen wir... nein, nicht die daher kommenden Gänse, sondern, wie vor uns schon manch eine Polit-Größe, am "Bundesbüdchen" eine Kleinigkeit und streben langsam zum Bahnhof zurück.
"Langer Eugen". Scrollt mal das Bild schnell hoch und runter.


Gänsemarsch.


Es ist jetzt so 14, 15 Uhr. Wir beschließen, noch nicht wieder nach Stuttgart zurückzufahren, sondern noch einen Tag in der Gegend zu bleiben. Also: Fahrtrichtung Nord!

Zurück auf dem Weg nach Köln rufen wir Johannes an. Der kommt eigentlich auch aus Deutsch-Südwest und residiert nach einer Epoche in Berlin nun in Duisburg. Er hat tatsächlich Zeit, und so treffen wir uns später in Düsseldorf Hbf. Eigentlich wollen wir nun in Wuppertal eine Runde Schwebebahn fahren. Die ist aber nicht in Betrieb, wat´n Mist! Immerhin gibt es in Wuppertal-Vohwinkel Schwebebahn-Nudeln in Form von Schwebebahn-Wagen und kleinen Tuffys, also jenem Elefanten, der einstmals aus einem Wagen in die Wupper fiel (aber dabei zum Glück nicht über die Wupper ging). Anschließend probieren wir die jüngst reaktivierte bzw. neu gebaute Strecke der Regiobahn nach Mettmann aus und fremdschämen uns über die grottenschlechten Ansagen und Anzeigen der DB Station ohne Service in Düsseldorf Hauptbahnhof.
Welche S-Bahn ist schöner: Design 1970 oder 2015?


Regiobahn von außen. Ein Infernal Integral-Triebwagen, frisch aus dem Bayerischen Oberland importiert.


Regiobahn von innen.


Dann fahren wir mit der hochtrabend als "U-Bahn" daher kommenden Überlandstraßenbahn von Düsseldorf nach Duisburg. Unterwegs brausen wir durch den seit über 40 Jahren nicht in Betrieb genommenen Hochbahnhof "Angerbogen".
Düsseldorf Hauptbahnhof von unten. Eine Anlage, auch aus der Zeit der Bonner Republik.


Tag 4:
Wirklich erregennd ist der folgende Tag auch nicht, jedenfalls was der Blick in den Himmel an Gefühlen hervorrufen könnte. Wir lassen es ruhig angehen und fahren via Ohrensausen Oberhausen nach Duisburg-Ruhrort. Johannes hat mir mal eine Postkarte von hier geschickt: "Mein Kurort heißt Ruhrort". Wer zuviel von bayerischer Bergidylle oder rauschenden Wäldern hat, der kann hier tatsächlich geheilt werden. Bei der Krankenkasse können wir die Reise aber wohl dennoch nicht einreichen. Die ganze Szene mutet einigermaßen skurril, aber nicht unsympathisch an, als die Gleise plötzlich im Gras vor einem Prellbock enden. Direkt dahinter kreuzt eine mehrspurige Straße einschließlich Straßenbahngleisen, daneben steht auf der einen Seite ein Supermarkt, auf der anderen ragt hinter einem Schuhgeschäft das riesige Mittal-Stahlwerk (?) auf. Dazwischen, wie gesagt, steht unser Zug etwas verloren auf einem unmotiviert im Gras endenden Gleis. Dieses Gras, dieses Gleis sowie der kurze Bahnsteig mit einem neumodischen Warte-Würfel seien, so verkündet es ein Schild davor unerschütterlich seit mindestens 1994, eine Anlage der vor 27 Jahren verblichenen Deutschen Bundesbahn.
Zug der Deutschen Bundesbahn im Gras zwischen Supermarkt und Stahlwerk.


Mit der Straßenbahn fahren wir weiter stadtauswärts.
Nichts für gepamperte Hintern! Die härtere Art, Straßenbahn zu fahren.


Die Straßenbahn endet aber plötzlich an einer Haltestelle und meint, hier wäre jetzt ihre Endstation. Ohne, dass ein Grund ersichtlich wäre, müssen wir in einen Bus umsteigen, der dann kilometerweit neben den Straßenbahngleisen herfährt. Hm, war das nicht 2020 auch schon so, als Michael und ich hier einmal einige Tage Urlaub in Duisburg machten? Der Bus, der nun so tut, als wäre er eine Straßenbahn, passiert das riesige Thyssen-Werk und erreicht Duisburg-Marxloh. Als Deutsche sind wir hier so etwas wie schützenswerte Minderheit. Wir laufen ein Stück durch dieses Viertel, in dem jedes zweite Geschäft ein türkischer Hochzeitsausstatter, ein türkischer Juwelier oder ein türkischer Handyladen ist. Dazwischen gibt es noch türkische Bäckereien und türkische Reisebüros. Und türkische Gemüsehändler.
Duisburg-Marxloh. Das einzig deutsche ist hier das Schild "Einbahnstraße"


Von hier fährt auf den Gleisen auch wirklich wieder eine Straßenbahn in die Innenstadt zurück und nicht nur ein Bus nebenher. Diese Strabse taucht dann in einen Tunnel ein, durch den sie kilometerweit in einem Affentempo ohne Halt unter Duisburg hindurch brettert. Seltsam, das alles! Aber genau deshalb nicht uninteressant. Nicht zuletzt deshalb haben Michael und ich ja Pfingsten 2020 schon einmal ein paar Tage Urlaub in Duisburg gemacht. Und sicher gäbe es in dieser irgendwie ein wenig anderen Stadt noch viel mehr zu entdecken, was "man" vielleicht nicht unbedingt erwartet. Doch nachdem das Wetter nun vollends abzustürzen beginnt, steigen wir am Hauptbahnhof aus der rasenden U-Strab aus, trauen uns todesmutig in die baufällige Bahnhofshalle und steigen in eine Weißwurst, die uns mit bis zu 300 km/h nach Süden bringt. Das fühlt sich fast so schnell an wie die Fahrt mit der Straßenbahn unter Duisburg hindurch.


Zwischenzeit:
Für ein paar Tage rufen die Pflichten, und diese Rufe lassen mich im Stuttgarter Kessel nebst Umland verweilen. Das herrliche Wetter treibt mich nach Feierabend oder in der Mittagspause doch einmal hierhin und dorthin, und zufällig kommen manchmal auch Fahrzeuge mit Spurkränzen vorbei.
Fernsehtum und Hamsterbacke am ehem. Hp. Heslach, hoch über Stuttgart auf der Gäubahn-Panoramastrecke. Die DB will die einstellen, wie krank!


Die schönen Streckenabschnitte hat der IC "Allgäu" schon hinter sich (Rheintal) und noch vor sich (Allgäu). Nicht ganz so liebreizend ist es bei Stuttgart Neckarpark.


Tag 5:
Endlich geht es wieder los. Die Ferne ruft! Der 8-Uhr-Zug von Stuttgart nach Frankfurt am Main ist ein klassischer Intercity. Mit etwas Glück fährt in dem ein Interregio-Steuerwagen mit, in dem sich das Fenster öffnen lässt. Wenn man auf der Schnellfahrstrecke die Kamera aus dem wummernden Seitenfenster hält, sieht es so aus.
Untergrundbewegungen bei 200 km/h (zwischen Schtuerget und Monnem).

Meine erste Station ist Kassel. Warum Kassel? Zwar habe ich bei der inzwischen etwas unsteten Wetterlage noch kein festes Ziel. Aber dass ich bis mindestens Kassel nordwärts fahre, habe ich mir doch schon vorgenommen. Und um am Abend problemlos auf Unterkunftssuche gehen zu können, habe ich hier einen Corona-Test reserviert. Die Station befindet sich ein Stück gegenüber des Hauptbahnhofes. Und danach? Mal sehen! Jetzt geht es erst einmal zum Testen.
Motivations-Booster!


Im Gegensetz zu den Grobmotorikern in der Karlsruher Tiefgarage läuft der Test in Kassel doch deutlich geschmeidiger. Freundlich-routiniert und mit der nötigen Empathie stochert man mir im Duft-Detektor herum und entlässt mich wenige Minuten später in die Kasseler Freiheit. Die ist auch kurze Zeit später wieder grenzenlos, denn die Mitteilung der Coronisten bescheinigt mir, sehr positiv, ein negatives Ergebnis. Also, die nächsten 48 Stunden darf ich wieder alles tun, was man auch in der Ära vor Corona so alles machen durfte.

Der Himmel ist inzwischen vollständig zugezogen, es ist halb zwölf, und ich stehe... richtig, in Kassel! Letztes Jahr bin ich hier wegen Verspätung abends mal gestrandet. Bis ganz hoch zum "Herkules" habe ich es damals nicht ganz geschafft. Ob ich das heute nachhole? Nein, bei dem Wetter nicht, so wirkliche Fernsicht ist da nicht zu erwarten. So laufe ich die Treppe in die eigentliche Innenstadt hinunter. Wirklich schön ist Kassel nicht, offenbar hat der 2. Weltkrieg hier mächtig aufgeräumt. Die Lage hingegen, auf einer Art Tableau oberhalb der Fulda mit den ganzen Höhenzügen rundherum, also, das hat schon etwas! Bei schönem Wetter wäre das sicher noch schöner.
Also... nett, ehrlich, auch ohne Sonne. Nur umdrehen darf man sich nicht, denn dort sorgen die Bausünden der 1960er Jahre für Augenkrebs.


Es gibt zwar kein Kassler, aber dafür eine preisgekrönte Bratwurst.
Wer andern eine Bratwurst brät / hat meist ein Bratwurstbratgerät!


Halbwegs gesättigt, vollständig getestet und mit der Gesamtsituation nicht völlig unzufrieden erklimme ich die Stufen hinauf zum Hauptbahnhof. Hier fahren fast nur noch Regionalzüge und die "Regio-Tram". Die Große Eisenbahn hält längst draußen im Palast der vier Winde an der Wilhelmshöhe. Trotzdem, mal sehen, was es hier so alles für Ziele angeboten werden. Ein RE erregt mein Interesse, der via Warburg, Altenbeken, Paderborn und Soest einmal quer rüber zu den Nordrhein-Vandalen nach Düsseldorf fahren soll. Mit der Aufschrift "Rhein-Ruhr-Express" wirkt das doppelstöckige Abellio-Schlachtschiff hier, an den Ufern der Fulda, ein wenig deplatziert. Ich steige trotzdem mal ein. Kurz nach 13 Uhr geht es los. Man sitzt trotz des völlig unpassenden Namens nicht schlecht, durch große Fensterflächen begutachte ich die nordhessische Landschaft.

Dann erreichen wir Warburg. Von hier gibt es noch eine zweite, etwas kleinere Ost-West-Verbindung. Diese führt dann auch wirklich durch das (obere) Ruhrtal, und in wenigen Minuten soll von hier ein RE über diese Strecke abfahren. Also schnell raus aus em Doppelstockzug und rüber in den "Lint" der DB Regio. Der Umstieg hat sich gelohnt, denn diese Strecke ist doch um Welten schöner als die weiter nördlich verlaufende Elektro-Piste via Soest! Und, was mich fast noch mehr freudig erregt: Die Sonne zeigt sich!

In Bestwig möchte ich diese Sonne dann auch einmal auf der Haut spüren. Außerdem zweigt hier die Nebenbahn nach Winterberg, hinauf ins Hochsauerland ab. Die fehlt mir noch auf meiner Bereisungs-Streckenkarte. Auf eingleisigem Schienenstrang lasse ich mich an den Fuß des "Kahlen Asten" hochfahren.
Am Bahnhof des sommerlichen Winterbergs durfte sich ein Architekt einmal so richtig austoben.


Den Zug lasse ich ohne mich zurück fahren und schaue mir erst einmal an, wo ich hier überhaupt gelandet bin. Bei Schnee im Winter ist in Winterberg sicher high life, wenn halb NRW zum Wintersport einrollt. Wie so etwas jedoch über den nur noch einen einzigen Bahnsteig abgewickelt werden soll? Zufällig fährt einige Zeit später vom Vorplatz auch ein Bahnbus talwärts. Mit dem fahre ich bis Wulmeringhausen. Muss man nicht kennen. Ist auch so klein, dass man den örtlichen Bahnhaltepunkt längst geschlossen hat. Aber schön ist es hier, keine Frage. Die Uhren gehen hier so langsam, dass sogar Mitte Juni noch die Bäume in voller Frühlingsblüte stehen. Ich genieße den Sommer, die Natur und die viele Zeit, die ich habe. Zwischendurch rollt mir ein Bergfahrer nach Winterberg vor die lüsterne Linse.
Sag´ Hey zum Hai! Polnischer Import im sauerländischen Sommer-Frühling, hübsch arrangiert im Tal der Neger.


Zuviel Natur ist ungesund. Zudem machen sich die oben bereits erkennbaren Wolken wieder zunehmend vor der Leuchtmurmel breit. Außerdem habe ich irgendwie Lust, mit dem Zug durch die Gegend zu fahren. Tippt euch gerne an die Stirn, aber es ist so. Der nächste Bus ab Wulmeringhausen hat einen sehr redseligen Fahrer, von dem ich kurzer Zeit aber viel Interessantes von der Gegend erfahre. Oft ist das Vorzeigen einer "Hunderter" in Überlandbussen Anlass für ein Gespräch. So oft sieht man die im Hinterland wohl nicht, und da wird schon mal interessiert gefragt, was die kostet, was man damit alles machen kann und wo ich jetzt hinfahre. So auch hier im Bahnbus im Tal der Neger (darf man sagen, denn so heißt der Fluss hier). Er bringt mich zum Bahnhof Olsberg, an der Oberen Ruhrtalbahn gelegen, auf der ich vorhin aus Warburg ins Sauerland einrollte. Von hier fahre ich bis Schwerte, dann mit einer Hamsterbacke der Firma "National Express" nach Hamm und ab dort in einem grandios verspäteten ICE2 nach Hannover. Unterwegs schmiede ich mir einen Plan für morgen: Rund um Hannoversch Münden an Werra, Fulda und Weser "Guten Tag" sagen. Thematischer Aufhänger sind die ICE-Umleiter, die wegen Bauarbeiten auf der Schnellfahrstrecke Göttingen - Kassel gerade auf der Altstrecke durch das Werratal fahren. Hinter dem hannoverschen Hauptbahnhof schieße ich für 38 Euro ein Zimmer im "Ibis Budget", ehemals Etap. Kein Luxus, aber sauber, zweckmäßig und für eine kurze Nacht völlig ausreichend.


Tag 6:
Viel zu früh beende ich die Nachtruhe. Aber der Blick aus dem Fenster bestätigt die Richtigkeit des frühen Aufstehens.
Boah, Wetter! Da kann sogar Hannover schön sein!


Frühstück gibt es im Hotel nicht, naja, für <40 Euro ist das verkraftbar. Das Risiko eines "heute ohne Bewirtschaftung" des Speisewagens mag ich nicht eingehen, also rasch im Bahnhof mit ein wenig Essbarem eingedeckt. Der nächste Zug nach Göttingen ist ein "Einser" und damit genau das, was ich brauche. Für die nächste halbe Stunde mache ich mein Abteil zunächst zur Ess-Bahn und dann noch ein paar Minuten zum Schlafwagen.
Fahrt in den jungen Tag! Schnell noch bis Göttingen eine Mütze Schlaf nachgeholt.


In Göttingen miete ich mir für ein paar Stunden einen Flinkster-Mietwagen, der hier von einem örtlichen Kooperationspartner angeboten wird. Wirklich viele Kilometer reiße ich in den kommenden Stunden nicht ab, denn ich brauche den Wagen eigentlich nur zum Hinkommen. Meine Ziele liegen fernab von Bahnstationen, und zum Teil wären auch Bus-Anreisen mit größeren Odysseen verbunden. Also gehe ich einmal fremd *schäm*.

Im Sommer 2021 ist die Schnellfahrstrecke zwischen Göttingen und Kassel wegen einer Generalsanierung gesperrt. Derweil fahren die ICE- und Intercity-Züge Umleitung über die Altstrecke. Das dauert zwar rund eine Stunde länger, ist aber auch um Längen schöner als die zu großen Teilen in langen Tunneln verlaufende Rennbahn. Auch ohne Züge ist es hier im Dreiflüsseland, wo Werra sich und Fulda küssen und zur Weser vermählen, ein Platz zum Aushalten. So habe ich manchmal das Gefühl, dass die Eisenbahn nur Beiwerk eines netten Sommerausfluges ist.
Fuldabrücke am ehem. Haltepunkt Kragenhof. Normalerweise fährt die Weißwurst auf der vorderen Brücke.


Werra-Viadukte bei Hann. Münden. Normalerweise fährt die Weißwurst auf der hinteren der beiden Talbrücken.


Werrabrücke Hedemünden. Normalerweise fährt die Weißwurst hier überhaupt nicht.


Bevor ich den Wagen nach Göttingen zurückbringe, mache ich noch einen kleinen Abstecher Werra-aufwärts. Oberhalb von Bad Sooden-Allendorf befindet sich die Gedenkstätte Schifflersgrund. Rund um einen original erhaltenen Abschnitt der innerdeutschen Grenzbefestigung ist ein Museum entstanden. Als ich bei der Annäherung den DDR-Wachturm auf dem Hang gegenüber stehen sehe, beginnt es mich trotz des warmen Sommertages unweigerlich zu frösteln. Auch 30 Jahre, nachdem diese absurde Grenze mitten durch Deutschland plötzlich aufgehört hat zu existieren, sind sie sofort wieder da, diese Bilder, damals, bei der Kontrolle in den zur Perfektion gesicherten Anlagen eines perfiden Systems, das die eigenen Bürger einsperrte. Wenn wir unsere Verwandten "drüben" besuchten, dann konnten wir nicht einfach sagen "kommt uns doch auch einmal besuchen". Auf einmal wird all dieses wieder so gegenwärtig. Und ich bin glücklich, dass dieser Turm, diese Anlagen, hier nur noch als Erinnerung dienen.
Plötzlich taucht der Wachturm hinter den Bäumen auf. Und sofort sind sie wieder da, die Bilder von vor über 30 Jahren.


Wie krank muss ein Regime sein, die eigenen Bürger einzusperren? Sie zu erschießen, weil sie von Deutschland nach Deutschland wollten?


Es dauert einige Zeit, bis ich auf der Rückfahrt nach Göttingen wieder auf etwas andere Gedanken komme. Zum Beispiel, dass mir die B 27, die ich dabei befahre, auch unten in Baden-Württemberg desöfteren begegnet. Irgendwie muss die doch zwischendurch von der Schweiz unterbrochen sein, bevor sie im Landkreis Waldshut durch den "Jestetter Zipfel" und an Deutschlands zweitgrößtem Aldi vorbei führt? Und dass man die Grenze dort kaum bemerkt.
In Göttingen wartet der inzwischen abgestellte, ehemalige Metropolitan-ICE fotogerecht auf eine Portraitierung.


Am Abend will ich in Bremen sein. Das ist nicht ganz grundlos, wie ihr nachher bei Tag 7 erfahrt. Den direkten Weg Göttingen - Hannover - Bremen mag ich aber nicht fahren. Immer nur Kilometer-abreißen im ICE auf Hauptbahnen ist zwar sehr effizient, aber wird irgendwann langweilig. Beim Blick in den Fahrplan stelle ich fest, dass mein aus München kommender ICE, der mich später von Göttingen nach Norden bringt, auf seinem Weg nach Hamburg aus irgendwelchen Gründen heute unterwegs auch in Uelzen hält. Das wird spontan ausgenutzt, denn in dem kleine Heidestädtchen ist es tatsächlich der Bahnhof selbst, der die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit darstellt. Dieser wurde anlässlich der Weltausstellung "Expo 2000", die in Hannover stattfand, vom Künstler Friedensreich Hundertwasser in dessen markanten bunten, runden Stil umgebaut. So richtig gewesen bin ich hier aber irgendwie noch nie, immer nur durchgefahren oder mal umgestiegen. Das hole ich jetzt einfach mal nach.
Hundertwasser, Hundertsechsundvierzig.


Bahnhof Uelzen von innen.


Von Uelzen fährt alle zwei Stunden auf der sog. "Amerika-Linie", auf der einst Auswanderer aus Berlin nach Bremen und Bremerhaven ihren Weg die Neue Welt antraten, ein Dieseltriebwagen des "Erixx" quer durch die Lüneburger Heide nach Bremen. Dünner Verkehr in dünn besiedeltem Gebiet, aber der kleine Zug ist doch überraschend voll. Entlang des Schienenstranges steht auf längeren Abschnitten sogar noch die originale Telegrafenleitung. In Soltau besteht Anschluss an die hier kreuzenden "Heidenbahn" (Hamburg -) Buchholz - Hannover, sogar mit Korrespondenz untereinander.

Ich rufe Peter an, ob er Lust auf ein Treffen am Roland hat. Allerdings ist er gerade bei seinen Eltern draußen in Bruchhausen-Vilsen. Klappt also nicht, schade. Und Richtung Bruchhausen-Vilsen will ich morgen auch. So suche ich mir in Bremen eine Unterkunft und laufe noch einmal in die Gute Stube der Hansestadt und lasse einfach einmal das Stadtleben um mich herum vorbei ziehen, beobachte die Leute auf der Domsheide und genieße die Reisefreiheit. Dass die nicht immer selbstverständlich war, habe ich ja heute Mittag gesehen.
Bremen, Gute Stube. Immer wieder schön!


Tag 7:
Wegen Sperrung einer Landstraße konnte für ein paar Tage eine (Schul-)Buslinie der Verkehrsbetriebe Grafschaft Hoya (VGH) im Altkreis Syke südlich von Bremen nicht verkehren. Auf ausgesprochen pragmatische Weise wurde ein Ersatzverkehr eingerichtet - auf der Schiene! Jene der VGH wird sonst planmäßig nicht im Reisezugverkehr bedient. Im Busersatzverkehr pendelte der VGH-eigene MaK-Großraumtriebwagen "Kaffkieker", der sonst im Museumsverkehr läuft, mehrmals am Tag entlang der gesperrten Straße durch die Käffer. Klasse, dass so etwas geht! Das will ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Nicht zuletzt habe ich zu Syke eine sehr persönliche Beziehung, doch dazu unten mehr.

Meine Reise gestaltet sich intermodal: Flinkster (DB Carsharing) zur Anreise ins Hinterland der Grafschaft, vor Ort wird auch auch mit dem Linienbus und natürlich dem Triebwagen gefahren. Und das bei Grafen-, nein, Kaiserwetter, ausgesprochen nettem Personal und alles in feinster niedersächsischer Geestlandschaft! Auch meine "Hunderter" wird in VGH-Bus und -Zug anstandslos anerkannt. Ein Tag, an dem alles stimmt!
Einsteigen, bitte!


Bei Buchhausen-Vilsen, der erste Auftritt im Morgennebel. Erst ärgere ich mich über die Suppe, aber irgendwie wird die Lichtstimmung damit erst interessant.




Eine Tour am frühen Vormittag führt durchgehend bis Syke. Grund genug, den bestens gepflegten Oldtimer einmal auszuprobieren. Der Schülerverkehr ist um die Zeit schon "durch". Aber gut: 10 Fahrgäste in einem Linienbus sieht schon "nach was aus", während sie sich in einem Zug optisch verlieren. Außerdem läuft der Durchgangsverkehr Hoya - Bruchhausen-Vilsen - Syke (- Bremen) weiterhin auf der VGH-Buslinie 150. Der Kaffkieker erschließt nur kleinere Unterwegs-Orte wie Uenzen. Käffer halt... Da wird man keine 100 Fahrgäste bekommen.
Zeitmaschine! Willkommen in den 1960ern!


Straßenbahn Uenzen


Offenbar hat man die Strecke damals direkt auf den Syker Kirchturm zugebaut.
Der Morgenzug verlässt die ehem. Kreisstadt.


Durch diese hohle Gasse muss er kommen!
Es führt kein anderer Weg nach Bruchhausen-Vilsen!



Für mich ist der Besuch in Syke auch ein Besuch meiner eigenen Geschichte, habe ich in den Städtchen doch meine ersten Lebensmonate verbracht. Wirklich erinnern kann ich mich daran zwar nicht. Dennoch besuche ich nach der Zugfahrt noch meine damalige und inzwischen über 80 Jahre alte Babysitterin von damals - ein spontanes Wiedersehen nach mehreren Jahrzehnten!
Auf dem Rückweg mit dem Leihwagen nach Bremen wird kurz an der Weserbrücke Dreye vorbei geschaut. Hoffentlich ist das Bild nicht für´n Müll.


In Bremen gebe ich das gesharte Car zurück und schaue im Hauptbahnhof, was so nach Süden fährt. Das Wetter ist noch immer prächtig, und ich habe noch den ganzen Nachmittag Zeit. Gleich bis Stuttgart durchzufahren habe ich daher auch keine Lust. So steige ich in einen kurze Zeit später abfahrenden ICE nach Hannover. Der setzt wegen Signalstörungen mächtig Zeit zu und kommt in Hannover an, als alle interessanten Anschlüsse gerade abgefahren sind. Ich gehe erst einmal auf Nahrungssuche und entere das Parkdeck der "Ernst-August-Galerie" (hat man das Einkaufszentrum echt nach dem Pinkel-Prinzen benannt?). Von hier lässt sich entspannt Zugbeobachtung machen. Bleiben will ich aber nicht noch einmal hier. Außerdem heißt es ja: In Hannover steigt man besser um als aus.
Hannover Hbf! Der Telemoritz und die Beton-Brutalistik vergangener Jahrzehnte überwachen die Ausfahrt des IC "Wattenmeer" nach Westerland.


Den restlichen Nachmittag verbringe ich in Südniedersachsen an der jüngst reaktivierten Strecke von Einbeck-Salzderhelden nach Einbeck. Dazu fahre ich erst einmal mit dem Zug in die Stadt und laufe dann unter stetiger Sonnenbrandgefahr die ein paar Kilometer lange Strecke entlang zurück. Zwischendurch kommen ab und zu Züge vorbei. Auch sieht es hier noch ziemlich frühlinxhaft aus.
Die größte mobile Behindertentoilette der Welt auf der Leinebrücke bei Einbeck-Salzderhelden.



Tag 8:
Nach einem kurzen Stopp zu Hause geht es dieses Mal in südöstliche Richtung. Der EC "Dachstein" (Saarbrücken - Graz), 8 Uhr ab Stuttgart, ist längst zu so etwas wie (nicht nur) meinem Stammzug für Fahrten nach Oberbayern geworden. Er bedient die wie Perlen entlang der Strecke aufgereihten Orte am Fuße der Berge, die jeder für sich nach "hier steige ich gerne aus" klingen. Einen richtigen Plan habe ich nicht. Zunächst fahre ich nach Traunstein und einmal Richtung Ruhpolding hoch. Da ziehen aber graue Wolken um Rauschberg, Unternberg & Co., also fahre ich zurück nach Prien zwischen Chiemgau und Chiemsee. Das Wetter ist hier so la-la. Bergwärts Richtung Aschau bin ich im Frühling schon einmal zum Bahnwandern gewesen...
Zum Bahnwandern im Chiemgau
...sodass es dieses Mal das kurze Stück seewärts gehen soll. Zwischen Bahnhof und Hafen pendelt im Sommer eine privat bzw. von der Reederei betriebene Schmalspurbahn. An Wochenenden sorgt eine Kastendampflok für die Traktion, unter der Woche eine Diesellok. Hier unten am See tobt der Touri, und ich tobe ein wenig mit.
Preise wie im Freudenhaus: 3 Euro für 1,8 Kilometer!


Die Chiemsee-Bahn gibt es schon länger, Corona nicht.


Endstation am Hafen in Prien-Stock. Dieser Anzeiger kann quasi nie ausfallen!



Dann kackt das Wetter ziemlich plötzlich ab. Aber es ist gerade erst früher Nachmittag durch... Schon zurückzufahren ist auch irgendwie doof. Also steige ich nach einem kleinen Einkaufsstopp in Prien City kurzerhand in einen Zug weiter Richtung Süden bzw. Osten. Aber es wird nicht besser, vielmehr fallen nun wirklich die ersten blöden Tropfen vom Himmel und verleiden die Lust zu Aktivitäten unter freiem Himmel. So sitze ich auch dann noch im Zug, als er in Freilassing zum Sprung hinüber nach Salzburg ansetzt.
Gleich kommt der EC "Dachstein" aus Graz nach Saarbrücken zurück. Die Bundespolizei erwartet infizierte Österreicher.


Auf Salzburg habe ich auch nicht so die rechte Lust, zumal ich nicht weiß, wie da die aktuellen Corona-Auslandsregeln lauten und wie streng die kontrolliert werden. Nicht, dass ich nachher meinen Urlaub in einem österreichischen Quarantäne-Lager verbringen muss. Ich steige deshalb in den nächsten Zug zurück ins Teutonische. Das ist ein 628 der DB Südostbauernbahn, mit dem ich bis Freilassing fahre.
Salzburg Hbf fest in der Hand der Deutschen Bahn AG


Irgendwie ist das ein ziemlich tauber Tag heute, und einen rechten Plan habe ich immer noch nicht. Immerhin steht in Freilassing noch der kurz zuvor aus Österreich gekommene "Dachstein", der gerade von den oben fotografierten Polizisten gefilzt wird. Das ist mein Glück, denn mit flinken Füßen erreiche ich den noch. Dies erregt natürlich den Argwohn und Jagdinstinkt eines Grenzschützers: da hetzt jemand in einen Schnellzug, der gerade vom Auge des Gesetzes kontrolliert wird und eigentlich schon längst abgefahren sein soll? Also: Fahrkarte, Ausweis, woher, wohin, Schuhgröße, Lieblingsessen... na, meinetwegen, der Mann tut auch nur seinen Job. Aber, sorry, lieber Bundespolizist, es war leiderleider alles o.k..

In München verlasse ich den "Dachstein". Was nun? Doch wieder einsteigen und nach Hause fahren? Nee, doof. Ich beschließe, hier abzubrechen und einfach in München zu bleiben. Sonst ist die Stadt viel zu oft nur Durchreisestation, aber heute Abend nehme ich mir einmal etwas mehr Zeit. Ich rufe Thomas an, ob er spontan Lust auf ein Treffen hat, aber er ist nicht da. Also lasse ich mich einfach ein wenig durch die "Weltstadt mit Herz" treiben, schaue bei Frauenkirche, Hackerbrücke und Oberpollinger vorbei und lande schließlich im "Brünnstein" am Ostbahnhof. Da gibt es zu soliden Preisen in urigem Ambiente zünftige bayerische Küche bei reellen Portionen. Alleine beim Beobachten der anderen Gäste, meist Einheimische, lassen sich Millieustudien betreiben, auch wenn das Wirtshaus anfangs noch recht schwach besetzt ist.
Brünnstein, München Ost. Gleich kommt mein Braten mit bayer. Knödel. Hmmm!


Mit gefühlt 5.000 Kalorien mehr in meinem Feinkostgewölbe mache ich noch einen kleinen Stadtbummel mit der Straßenbahn und niste mich dann für sehr faire paar-n-vierzig Euro im "B&B" direkt am Bahnhof München-Moosach ein.
Dresden, Frauenkirche. Oder so. Aufmerksame Betrachter haben anhand der Uhrzeit sicher längst erkannt: das Bild stammt von einer anderen Tour.


Münchner Untergrundbewegungen (U)


Münchner Untergrundbewegungen (S)


Hackerbrücke: München mit Weißwurst bei schönem Wetter.


Moosach: München ohne Weißwurst bei weniger schönem Wetter.



Tag 9:
Der nächste Morgen sieht doch schon viel freundlicher aus! Ich schlafe erst einmal aus, bewege mich dann zum Hauptbahnhof und schaue, was da so alles im Angebot ist. Der "Zapadní Express" nach Prag, zu deutsch: "West-Express", der hier eigentlich "Vychodní Express" heißen müsste, lacht mich an! Also, kurzerhand in die tschechischen Schnellzugwagen eingestiegen und abgefahren! Bis Regensburg fahre ich mit. Da war ich ewig nicht in der Stadt, und diesem unbefriedigenden Zustand muss dringend abgeholfen werden!
Zuerst geht es raus zur Donaubrücke. Bei der Überfahrt der Obapfoizbahn hat sogar die Sonne ein Einsehen.


Anschließend mache ich Regensburg downtown meine Aufwartung. Die Stadt gefällt! Historisch, aber nicht in ihrer eigener Historie erstickend, lebendiges Publikum... Nett!
Sonne in Regensburg.


Die älteste Wurstbude der Welt ist mir heute Wurst.


Mal wieder ein Parkhaus mit Bahnblick. Regensburg Hbf von oben. Hinten rechts im Bild ist die Walhalla zu erkennen. Da muss ich auch mal irgendwann hin.


Nach so viel Urbanität begebe ich mich noch einmal Richtung Bayerischer Wald. Die vom kleinen Knotenbahnof Cham ausgehenden Nebenbahnen nach Waldmünchen und Lam fehlen mir noch zur Bereisung. Leider endet der Tag im Regen. Dabei bringt es die Oberpfalzbahn auf der beschaulichen Nebenbahn von Cham nach Lam mit zwei erkennbar unmotivierten (oder sich gegenseitig ablenkenden?) Lokführern im Cockpit fertig, so viel Verspätung aufzubauen, dass ich auf dem Rückweg in Cham den Anschluss nach Schwandorf verpasse und an jenem Tage nicht mehr nach Stuttgart zurück komme. Also niste ich mich in einer kleinen Pension in Cham ein.
Cham ohne Charme. Schade, dass das so enden muss!


Nach einem leckeren Essen im - zwischenzeitlich wieder trockenen - Biergarten des zur Pension gehörenden Landgasthofes und einem netten Gespräch mit zwei sächsischen Motorradfahrern auf der Durchreise in die Schweiz verabschiede ich mich von dem Tag.


Tag 10:
Wie schon in der letzten Nacht wird Bayern einmal kräftig geduscht. Das ist mir aber egal. Vielleicht sollte ich einmal eine Online-Petition initiieren, wonach Regen ab sofort nur noch nachts fallen darf. Das würde zwischen all den mitunter ziemlich schwachsinnigen Petitionen sicher nicht einmal auffallen. Mit diesen Gedanken wackele ich nach einem kräftigen Frühstück das kurze Stück zum Bahnhof hinüber.

Zunächst wird, wenn ich nun einmal hier bin, auch die Strecke nach Waldmünchen bereist. So kann der Zwangsübernachtung wenigstens noch etwas Positives abgewonnen werden. Was für ein elendes Gezockel, und dann hat man den einst zentralen Endpunkt Waldmünchen zugunsten eines Einkaufszentrums mit vielen schönen Parkplätzen einige Hundert Meter aus der Stadt heraus verschoben! Da möchte ich nicht jeden Tag mitfahren müssen.
Überschaubare Nachfrage im Regio-Shuttle nach Waldmünchen. Hinweis für unsere Hilfssherrifs: Die smartphonende Dame hat dem Foto zugestimmt.


Zurück in Cham bringt mich eine Oberpfalzbahn in rascher Fahrt nach Schwandorf. Dort steht eine Krawallschachtel namens 612 zur Weiterfahrt nach Nürnberg bereit. Immerhin ist das ruhige Kopfabteil hinter dem Führerstand noch frei, welches ich auch gleich beziehe. Unterwegs vereinigen wir uns mit einem Zugteil aus Neustadt an der Waldnaab. Die Züge werden dabei mit einem Klettverschluss zusammen gehakt, dann geht es weiter in die fränkische Hauptstadt.
Bei der Zugtrennung in der Gegenrichtung wird einfach der Klettverschluss wieder auseinander gerissen!


So richtig erholen mag sich das Wetter nicht. Ich beschließe, nach einem kleinen Stadtbummel durch Nürnberg und "Drei im Weggla" (drei Nürnberger Rostbratwürstchen im Brötchen) den Süden vollständig zu verlassen. Bei der Entscheidungsfindung hilft mir der Umstand, dass sich der nächste Zug Richtung Berlin als ein ICE 1 entpuppt. In einem Abteil, welches ich mit einer Aufsatz-korrigierenden Lehrerin teile, finde ich einen Platz für die nächsten Stunden.
Nürnberg Hbf. Keine Montage, alles echte Spiegelungen in Wartepavillons und Fensterscheiben!


So steuere ich am späten Nachmittag via Erfurt und Halle an der Saale auf die Hauptstadt unserer Deutschen Demokratischen Bundesrepublik zu. Das war zwar bis heute Mittag überhaupt nicht geplant, hat sich aber so ergeben. Kurz vor Berlin funke ich einmal unverbindlich bei Julia an, ob sie heute Abend schon gespiesen habe und wenn nicht, ob wir das schon lang wieder einmal vorgesehene Treffen vielleicht spontan arrangieren wollen. Es stellt sich heraus, dass sie die letzten Tage in der Nähe von Weimar weilte und in diesem Moment ebenfalls auf dem Weg nach Berlin ist - sie fährt im folgenden ICE-Takt genau eine Stunde hinter mir her! Also, das passt! Ich nutze die Zeit zur Unterkunftssuche und fahre dann zum Mehdornium zurück. Danach feiern wir die Premiere, dass ich Julia einmal in ihrer eigenen Heimatstadt vom Zug abhole!

Mit Julias Fahrrad und Gepäck, S- und U-Bahn schlagen wir uns in den Kiez rund um den U-Bahnhof Eberswalder Straße durch. Im Freisitz eines kleinen indischen Restaurants beziehen wir mit der festen Absicht Position, diesen in den nächsten Stunden nicht mehr zu verlassen. Dieses Vorhaben wird auch konsequent umgesetzt. Als wir uns trennen geht es bereits wieder stramm auf Mitternacht zu. Hm, wenn mir heute früh in Cham, am Rande des Bayerischen Waldes, jemand erzählt hätte, dass ich am späten Abend mit einer Straßenbahn durch Berlin fahren werde...
Julia, hast du nicht aufgegessen? Berlin bei Nacht und Regen.



Tag 11:
Nun will ich endlich richtig an die See, wenn ich mich schon bis Berlin vorgearbeitet habe! Mittel der Wahl soll ein Wochenend-Entlastungszug um 08:20 Uhr von Berlin über Prenzlau - Greifswald nach Stralsund sein, der mit Interregio-Wagen aus dem eingestellten Hamburg-Berlin-IRE gebildet sein soll. Und heute ist Wochenende! So freue ich mich auf eine Fahrt am offenen Fenster hoch an die Ostsee! Eigens dafür schäle ich mich nach dem etwas längeren Abend viel zu früh aus den Federn. Aber für eine Reise mit Freude müssen Opfer gebracht werden. Doch die Ernüchterung kommt beim Betrachten des dynamischen Abfahrtsplanes im Berliner Hauptbahnhof:
Das grenzt ja schon an Arbeitsverweigerung!


So bleibt mir nichts anderes übrig, als in den nachfolgenden Takt-RE zu steigen. Dessen Doppelstockwagen sind nach dem ausgefallenen Entlastungszug an einem Sonnabend Morgen im Juni Richtung Ostsee natürlich bumsvoll. Auch der spontan eingesetzte Upgrade-Gutschein aus dem Bahnbonus-Programm hilft nur mäßig, denn die "Erste" ist ebenfalls gut voll. Auf so einer Touri-Achse wird wieder einmal das nicht vollständig gelöste Problem von vielen Koffern in Doppelstockwagen sichtbar. Nein, das macht keinen Spaß! In Prenzlau habe ich die Faxen dicke und verlasse die Fuhre. Immerhin: Auf der ganzen Strecke hat sich bis hier kein Schaffner blicken lassen, sodass mein Upgrade nicht abgeknipst wird.
Zweisprachige Uckermark. Deutsch und...?


Nun habe ich eine Stunde Zeit bis zum nächsten Zug. Das Wetter ist schon deutlich entspannter als in Berlin, und die Gegend ist es auch. Irgendwie ist die Uckermark so eine Ecke von Deutschland, wo die Hektik automatisch nach kurzer Zeit von einem abfällt. Und das in dieser wunderschönen Endmoränenlandschaft mit den unzähligen Seen, große und kleine.
Backsteingotische Landmarke in der Uckermark: die mächtige Marienkiche in Prenzlau. Der Rummel befindet sich vormittags um 11 Uhr noch im Schlafmodus.


In einer kleinen Bäckerei decke ich mich noch mit Brötchen resp. Schrippen ein. Für das Geld, das hier dafür verlangt wird, bekomme ich die Brötchen in Stuttgart höchstens mal gezeigt.

Der nächste Zug nach Stralsund ist ein ICE, gefahren von einem Wackel-Dackel der Baureihe 411. Da der in der 1. Klasse noch voller ist als in der 2., stecke ich mein nicht entwertetes Upgrade wieder ein und beziehe im Großraum der Holzklasse einen Fensterplatz in Fahrtrichtung links, ohne Fensterholm. Welch ein Kontrast zu dem komischen RE vorhin, in dem sich Reisefreude trotz der wunderbaren Landschaft vor dem Fenster nicht so recht einstellen wollte. In Stralsund wird ein kleiner Mittagsstopp zur entspannten Nahrungsaufnahme eingelegt. Dann rufe ich meine Tante an, die ebenfalls an der Ostsee wohnt und erschrecke sie mit der Frage, ob ihr Übernachtungsangebot damals wirklich ernst gemeint sei. Ja, das sei es, ich könne gerne kommen!

Nun ist Ostsee nicht gleich Ostsee: ich bin in Stralsund, und meine Tante wohnt in Flensburg. Der kürzeste Weg wäre direkt über das Baltische Meer, aber abgesehen von fehlenden Direkt-Schiffsverbindungen gälte dort meine Fahrkarte sicherlich nicht. So mache ich in den folgenden Stunden eine wunderschöne, grundentspannte Nord-Tour, und das fast ausschließlich in gemütlichen Abteilen von ICE-1-Zügen. Stralsund - Rostock - Schwerin - Hamburg, von dort weiter nach Kiel.
Einmal um die Ostsee rum! Stralsund - Flensburg mit dem Zug, hier bei der Zwischenetappe in Kiel. Backbord im Bild die Falt-Brücke über die Fördespitze, steuerbords lugt die historische "Freya" ins Bild.


Die letzten 80 Kilometer auf Deutschlands schnellster Nebenbahn: Zug nach Flensburg in Kiel Hbf.


In Flensburg holt mich meine Tante vom Bahnhof ab. Ach, was gibt es alles zu erzählen! Wir fahren gar nicht erst zu ihr nach Hause, sondern steuern in Glücksburg ein schuckeliges kleines Restaurant ("Lütt & Lekker") an, speisen der Größe des Augenblickes angemessen etwas erlesener als gemeinhin üblich und laufen anschließend noch lange Zeit an der Förde entlang. Gegenüber, über dem dänischen Ufer, versucht sich die Nacht erfolglos gegen den langen Juni-Tag durchzusetzen.
Die endlosen Abende im Norden, an denen es nie richtig dunkel wird - unbeschreiblich schön! Und dann noch am Meer - das ist einfach nur geil (sorry!).
Glücksburg, 22:30 Uhr, drüben das dänische Ufer.




Tag 12:
Gegen vier Uhr blinzelt die Sonne das erste Mal ins Zimmer. Flensburg im Sommer... Ich nicke noch einmal ein, aber gegen 9 Uhr sitzen wir dann doch angezogen am Frühstückstisch. Nach einem kurzen Besuch an der Fördespitze, wo dem Museumsdampfer "Alexandra" kurz "Moin!" gesagt wird, verabschieden wir uns voneinander. Leider ist auch "dank" der seltsamen Flensburger Kommunalpolitik weder die zentrumsnahe Innenstadtstrecke noch die Querbahn rüber nach Niebüll/Naibel wieder in Betrieb. So bleibt zum Küstenwechsel nur der Schnellbus 1013/R1. Immerhin ein Bahnbus der Autokraft, in dem auch Eisenbahnfahrkarten gelten.
Von Flensburg an die Westküste gibt es seit 40 Jahren nur Schienenersatzverkehr.


Vom Bus aus versuche ich, mir in Niebüll einen Mietwagen zu reservieren. Car-Sharing-mäßig ist ganz Schleswig-Holstein leider ein einziges Notstandsgebiet, zumindest "Flinkster"-Städte gibt es im gesamten Land genau zwei: Kiel und Lübeck. Gar nicht meine Richtung. Also rufe ich bei der Europcar-Station in Niebüll an, ob die noch kurzfristig einen Kraftwagen zum Verleih hätten. Einen Volkswagen könne mir der nette Kollege von der Station noch anbieten, einen Golf. Nun sind Autoanmietungen seit Corona deutlich teurer geworden, sodass man froh sein kann, bei Tagespreisen selbst für kleinere Autos nicht in den dreistelligen Bereich zu rutschen. Und der Sprit kommt ja auch noch dazu. Wir einigen uns auf einen Preis unterhalb dieser Schallmauer. Ich sichere zu, nach der Busankunft gegen 11:50 Uhr am Bahnhof in Niebüll sofort zur Station zu kommen, die an Sonntagen eigentlich um 12 Uhr schließt. Kein Problem, man würde warten.

Leider ist die bislang bahnhofsnahe Station vor einiger Zeit umgezogen. Das merke ich aber erst, als ich an der bekannten Adresse auf ein (geschlossenes) Büro des Marktbegleiters Sixt stoße. Schnell umorientieren. Ich laufe also in die entgegen gesetzte Richtung in ein Gewerbegebiet, wo ich auch um 12:10 Uhr noch freundlich begrüßt werde. Dann geht alles sehr schnell, und 10 min später bewege ich mich auf Gummi über die Wege durch die Marschen. Nach vielen Tausend Kilometern Zug ein fast ein wenig ungewohntes Fahrgefühl. Doch halt - zuvor geht es einmal mit der neg auf die Mole! Denn gerade hat der "Flachland-Tiroler" Pendeldienst, und da kann man die Fenster öffnen.
Wenn bei der "Kleinbahn" der Flachland-Tiroler auf die Mole fährt, dann muss ich da einfach einsteigen! Das tue ich dann auch.


Rein in den kleinen Triebwagen, ein herzliches "Moin!" beim Lokführer, und mit jeder Minute, den Kopf im Fahrtwind, steigt die Freude auf die Fahrt durch den Deichschart. Dann ist es so weit. Langsam tastet sich der Zug vor zur Endstation draußen im Wattenmeer, raus auf die Mole, vis-á-vis zu den Fähren nach Föhr und Amrum, davor nur noch das Wasser, die Inseln und der Horizont. Ach, Eisenbahn-fahren kann so schön sein! Gerade ist Ebbe, also Schuhe aus, einen Takt ausgesetzt und ein paar Meter durchs Watt gelaufen.
Im Uthlande, außerdeichs vor Dagebüll/Doogebel. Mit nackten Füßen über den Meeresboden der Nordsee, der Geruch des Meeres, dahinter der unverstellten Blick zum Horizont. Irgendwie... wieder zuhaus.


Dann fahre ich nach Niebüll zur Autoverladung. Nein, nach Sylt will ich nicht. Jedenfalls nicht mit dem Auto. Andere dagegen schon: Meine Eltern starten heute vom heimischen Buxtehude aus für ein paar Tage auf die Insel der Reichen und Schönen (nichts für mich, ich bin höchstens "und"). Die Überfahrt ist mit dem "Blauen Autozug" am frühen Nachmittag ab Niebüll geplant. Jedenfalls ist die Überraschung perfekt, als ich auf einmal zu Fuß neben ihnen in der Warteschlange vor der Autoverladung auftauche! Wenn es schon zu Hause nicht mit einem Treffen klappt, dann eben hier kurz vor der dänischen Grenze! Nach dem Abschied bewege ich mich nach Klanxbüll/Klangsbel vor und fotografiere sie in ihren Wagen auf dem Autozug, als sie unter meiner Fußgängerbrücke hindurch fahren.

Den Rest des Tages genieße ich den Sommer im Norden, zwischendurch wird mal bei der Eisenbahn vorbei geschaut. Was für ein Unterschied zu den regnerischen Tagen unten in Bayern!
Sag´s durch die Blume!


Abends niste ich mich in einem Landgasthof südlich von Klanxbüll/Klangsbel ein. Ende Juni für 50 Euro ein gepflegtes Zimmer mit Frühstück ist ein Angebot, zu dem ich nicht Nein sagen möchte.

Ein frisch zubereitetes Bauernfrühstück später fahre ich noch einmal nach Dagebüll und besteige den Aussichtsturm am Anleger. Abends ist die Hektik, die tagsüber von den Touri-Horden beim Einschiffen verbreitet wird, verflogen. Wer um diese Zeit noch hier ist, der hat Zeit und benimmt sich auch so. Ein Vorteil hat die Jahreszeit auch für den Kameraschwenker: nur beim letzten Zug im Sommer kommt die Sonne so weit rum, dass er bei der Fahrt auf die Mole Seitenlicht hat.
Nur Ende Juni hat die letzte neg auf die Mole Seitenlicht. Aber auch sonst lohnt sich hier der Besuch am Meer. Die Bauarbeiten für den neuen Molen-Bahnhof sind in vollem Gange, deswegen sieht´s da gerade auch etwas rumpelig aus.


Dann fahre ich hoch in den Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog, an die Dammspitze zum Hindenburgdamm. Morgens stehen hier die Fuzzyhorden und knipsen die vom Damm kommenden Züge. Jetzt, abends kurz vor 22 Uhr, bin ich hier völlig alleine! Nur der Himmel und das Meer liegen vor mir. Ab und zu brummt ein Zug vorüber, den man schon Minuten vorher wie ein Lindwurm über den Damm herankommen sieht. Drüben blinkt der Kampener Leuchtturm auf Sylt. Akustisch untermalt wird die Szenerie vom nie endenden Blöken der unzähligen Schafe. Ob es legal ist, im Nationalpark Wattenmeer ein Stück in die Lahnungen hinauszulaufen - ich weiß es nicht, ich mache es jetzt einfach und hänge einfach nur mal meinen Gedanken nach. Gestern war ich noch in Berlin. Und nun stehe ich hier, alleine in dieser grandiosen Weite, in der ich mich doch trotzdem so geborgen fühle. Südsee? Amerika? Corona-Stress? Wozu in die Ferne schweifen? Deutschland ist sooo schön!
Sprung nach Sylt im letzten Licht. Abends um Zehn steht die Sonne waagerecht über dem Wattenmeer.





Tag 13:
Eigentlich ist es doof, wegen eines Eisenbahnfotos früh aufzustehen. Der Erfolg dauert 1/1.000 Sekunden, und im schönsten Moment sieht man eh nichts, weil die Klappe fällt. Aber erstens habe ich den Wagen, zweitens sind zwei Motive nicht wirklich weit weg von meiner Unterkunft, drittens lacht die Sonne von einem wolkenlosen Himmel, und viertens bin ich an dieser Stelle schon so oft mit dem Zug vorbei gefahren, dass es nun endlich einmal für einen Besuch Zeit wird. Die Sonne steht dort auch nur frühmorgens im Sommer richtig. Das ist... genau jetzt!

So sattele ich um kurz nach 6 Uhr den Kraftwagen und fahre ein paar Kilometer zu den Fischteichen des örtlichen Anglervereins. Auf dem Rasen am Ufer des Sees lässt es sich aushalten! Ein paar Züge werden dort und an einem benachbarten Bahnübergang abgelichtet, dann geht es erst einmal zum Frühstücken Richtung Klanxbüll zurück.
Wasseraufnahmen in Nordfriesland müssen nicht immer auf dem Hindenburgdamm oder am Husumer Hafen entstehen.


Laaaang! 12 Wagen, zwei Loks - das dürften die längsten Regionalzüge Deutschland sein. Hinten wird Strom geerntet.


Anschließend bleibe ich noch ein wenig in der Agglomeration Niebüll, bevor ich mittags den Wagen zurück bringe und mich langsam nach Süden vorarbeite.
Gruppenbild mit Pulloverschweinen. Offenbar bin ich nicht der einzige, der den neg-Flachland-Tiroler wegen seiner Aufmach-Fenster schätzt.


Man muss Graffiti nicht mögen. Aber mal ehrlich: das hier ist schon genial gemacht!



Das blasse "neurot" mit Schlabberlatz habe ich schon bei der Einführung nicht gemocht. Also, schnell hinter Gitter damit!


IC "Wattenmeer" (Westerland/Dagebüll - Karlsruhe) mit zwei Blonden bei Stedesand.


Auf dem Rückweg nach Hamburg bewahrheitet sich wieder einmal, dass das Westküstenwetter so völlig anders sein kann als im Rest der Republik und kein Wetterbericht gegen einen kritischen Blick in den Himmel bestehen kann. Kurz hinter dem Nord-Ostsee-Kanal verabschiedet sich die Sonne und ward für die folgenden Stunden auch nicht mehr gesehen. Diese verbringe ich in Hamburg, treffe mich kurz mit Christoph auf ein Abendessen im "Schweinske" im Hauptbahnhof, laufe noch ein wenig durch die neue Hafen-City und fahre auf dem "Bügeleisen" mit der Fähre nach Finkenwerder rüber. Am kommenden Tag trete ich die Fahrt zurück in meine württembergische Wahlheimat an.
Hamburg-Altona mit EC aus der fernen Schweiz, kurz vor Sonnenuntergang.



Tag 14:
Als ich das nächsten Mal nach Hamburg komme, hat sich das bayerische Wetter offenbar bis nach Norddeutschland vorgewagt. In Hamburg hat "Flinkster" eine Station, die für einen Trip nach Dithmarschen genutzt werden soll. Der Tagesauftakt wird vom Fahrplan festgelegt: Morgens um Vier-Uhr-irgendwas (<- Verstoß gegen die UN-Menschenrechtskonvention!) fährt ein 628 als D-Zug von Hamburg-Altona nach Westerland. Zunächst wird vor der Abfahrt einmal geschaut, ob der auch wirklich fährt. Ja, tut er. Also Richtung Schleswig-Holstein aufgebrochen.
Hamburg-Altona, kurz vor Sonnenaufgang (wenn sie denn aufginge). D-Zug nach Westerland


Leider hat das Wetter kein Einsehen mit mir, der extra angereist ist! Mit etwas gutem Willen könnte ich mich an den Lichtstimmungen erfreuen, sofern man von "Licht" reden kann. Auch der 628, der gegen 6 Uhr über die Hochdonner Kanalhochbrücke poltert, ist eher ein Schattenspiel als ein Lichtbild.
Wenig Licht, viel Schatten. Nochmal der D-Zug von vorhin, nur ein Stück weiter nördlich und höher. Hochdonn, 6 Uhr.


Wolkenkino, letzter Vorhang.


(Lalala) Wacken ist nur einmal im Jaaaahr... Dieses Jahr aber nichtmal das.


Leicht frustriert breche ich die Nord-Tour ab, bringe den Wagen nach Altona zurück und storniere ihn für den Rest des Tages.

Dirk aus Heidelberg ruft an, wo ich gerade wäre und ob ich Lust auf eine gemeinsame Tour hätte. Also, Lust auf eine Tour schon, aber ich bin gerade in Hamburg! Das lässt sich geografisch auch mit ICEs nicht so einfach deckungsgleich machen. Also quatschen wir einfach mal so ein wenig, ich habe ja jetzt massig Zeit. Um 10 Uhr stehe ich also auf dem Hamburger Hauptbahnhof, mache präventiv mal einen Corona-Test für etwaige Übernachtungen oder Restaurantbesuche und überlege mir, was ich mit dem angebrochenen Tag nun anstelle.

Unten auf Gleis 7 oder 8 kündigt sich ein ICE nach Berlin an, sogar ein ICE 1. Da steige ich einfach einmal ein und halte mir mir selbst Kriegsrat. Zumindest versuche ich es, denn das ziemlich frühe Aufstehen fordert seinen Tribut. Landschaftlich versäumt man auf der Fahrt zwischen Deutschlands größten Städten auch keine wirklichen Höhepunkte, und so nicke ich in der Stille meines Abteils nach dem Kontrollbesuch des Schaffners ein. Wach werde ich wieder kurz nach Ludwigslust - und am Himmel feiert tatsächlich die Sonne einen 3:2-Sieg gegen die Wolken! Hey, alles richtig gemacht mit dem Abbruch der Nord-Tour! Ohne groß zu überlegen packe ich meinen Rucksack und verlasse die Weißwurst in Wittenberge. Die meisten werden in diesem Städtchen und Bahnknoten wohl immer nur durchgefahren sein, aber ich bin ja nicht die meisten. Einen Plan habe ich nicht und bin nur gespannt, wie es hier heute aussieht - ein letzter flüchtiger Besuch datierte aus der Nachwendezeit, und da war der Anblick von ehemals volkseigenen Kleinstädten ja nicht immer vergnügungssteuerpflichtig.
Spontaner Zwischenstopp in Wittenberge. Die kleine Innenstadt ist ganz propper geworden...


...aber hat es nicht leicht.


Hüttenkrust, als wäre die DDR niemals unter gegangen! Fehlt nur noch der Trabant vor der Garage.


Nett hier! Hafen am Elbufer in Wittenberge.


Auch hier ist man vor Quietschies nicht sicher! "S1" nennt sich dieser zweistündliche Zug nach Magdeburg und weiter nach Schönebeck, Fahrzeit zwei Stunden durch die Pampa.


Wie vielen Generationen Bahnfahrern nach Hamburg, Berlin, Rostock und Magdeburg hat der Turm der alten Wittenberger Nähmaschinenfabrik schon die Zeit gewiesen?


Zurück zum Bahnhof. Komischer Bus, habe ich zuvor noch nie gesehen, diesen Typ.
Nachtrag: Tobias (den ich gleich noch treffe) erklärte später, dass das ein tschechisches Exemplar der Firma SOR sei. Man kann sagen, wenn man ein solches Gefährt in Deutschland sieht, steckt ein mit Vetter, Salzfurthkapelle bei Bitterfeld verbandeltes Unternehmen dahinter. Am Prignitzbus wie hier in Wittenberge hat Vetter auch Anteile. Angeblich haben die SORs günstigere Verbrauchswerte als ihre Konkurrenzprodukte. Allerdings auch einen schlechteren Fahrkomfort.

Mit einem der Quietschies bewege ich mich um 15 Uhr von Wittenberge nach Süden vor. Die alte DDR-Nord-Süd-Magistrale wird - mit Ausnahme des saisonalen IC-Zugpaares "Warnow" - anno 2021 nur noch von Nahverkehrszügen befahren, die dafür auch in Orten wie Geestgottberg, Demker oder Mahlwinkel halten. Viel unaufgeregte Landschaft also, zwischendurch schöne, wenngleich zumeist verfallene preußische Bahnhofsgebäude, und eine gut aufgelegte Schaffnerin im Zug, so heule ich auf mäßig bequemem Gestühl nach Süden.

In Tangerhütte (nicht zu verwechseln mit Tangermünde), ein Stück südlich von Stendal, habe ich keine Lust mehr auf Quietschiefahren und lege spontan einen Stop ein. Von dort rufe ich Tobias an, der bei Magdeburg wohnt und in Sachsen-Anhalt beruflich in etwa das gleiche macht wie ich in Ba-Wü. Treffen wollten wir uns schon lange einmal wieder, und wenn ich schon einmal zufällig in seiner Pfarrei herum diffundiere... Tatsächlich erreiche ich ihn auch sofort am Mobilofon. Nein, in Magdeburg ist er leider gerade nicht. Aber wo ich denn wäre? In Tangerhütte! Tangerhütte? Er ist gerade in einem Dorf bei Tangerhütte auf dem Weg zum Haltepunkt Demker (eine Station nördlich von Tangerhütte) und will von da mit dem Zug nach Magdeburg fahren. Hm, hatte ich das nicht schon einmal, vor ein paar Tagen mit Julia auf dem Weg nach Berlin? Alle meine Bekannten sitzen dieses Sommer offenbar in einem Zug, der genau eine Stunde hinter meinem her fährt. Aber egal, besser geht es doch nicht! So steige ich einige Zeit später in den Zug nach Magdeburg ein, in dem Tobias mich bereits erwartet. Klein ist die Welt!
Showdown in Tangerhütte! In Sachsen-Anhalt sind die (Doppelstock-)Züge wirklich besser gepflegt als manch ein Auto.


Im Magdeburg verlassen wir den Zug. Noch ein wenig gequatscht, und es trennen sich unsere Wege. Tobias fährt nach Hause, ich steige in den Doppelstock-Intercity nach Halle. Ein kleines Wunder geschieht, denn der fällt nicht aus und bleibt unterwegs auch nicht liegen, wie es die Züge dieser Gattung ja gerne einmal tun.
Salle an der Haale


Den Abend verbringe ich in der lebendigen und überhaupt nicht mehr grauen Stadt, immerhin der größen im Bundesland. Um meinen Onkel draußen auf dem Dautzsch zu besuchen, bei dem wir als "Wessis" zu DDR-Zeiten zur Verwunderung unserer Mit-Wessis auch ab und zu ein paar Wochen Urlaub machten, ist es inzwischen etwas spät. So fahre ich noch eine Runde mit der Straßenbahn und schaue DB Cargo beim Wagen-Sortieren zu. Dann erinnert mich die in die Beine ziehende Müdigkeit daran, dass ich ja heute früh schon um Vier Uhr irgendwas in Altona auf dem Bahnhof mein Tagwerk begonnen habe.
Halle, Hallmarkt.


"Halle G" - Rangierbahnhof unter LED mit altroter V 90.


Tag 15:
Der nächste Tag scheint sonnenmäßig in einer höheren Liga zu spielen als der vorherige, der mich aus Schleswig-Holstein flüchten ließ. Kurz rekapituliert: ich befinde mich in Halle, Sachsen-Anhalt, anstatt gleich noch einmal die Füße (oder mehr) in die Nordsee zu halten. So beschließe ich eine Walfahrt zu machen. Nein, keine Wallfahrt. Aufhänger der Planung ist die Strecke Merseburg - Querfurt südlich von Halle. Eine Gegend, vom Bergbau gebeutelt, von der Chemie vergiftet - so sah es hier aus, als der Sozialismus nicht mehr siegte, sondern siechte. Wie mag es dort heute wohl aussehen? Die dort jüngst heimisch gewordenen Fahrzeuge der Baureihe 641 - einteilige Triebwagen in Form eines Walfisches - machten den Besuch auch für Ferroerotiker interessant. Zu diesem Behufe geht es zunächst nach Merseburg. Vom Hochufer des örtlichen Teichs mitten in der Stadt aus kann man bequem schauen, was so alles aus Halle nach Süden rollt. Dann fahre ich die Strecke nach Querfurt einmal ab. Wäre da nicht der stylishe Triebwagen, so könnte man in einigen Stationen wirklich glauben, die Deutsche Reichsbahn hätte nie aufgehört zu existieren! Völlig aus der Zeit gefallen wirken die Anblicke mit bröckelnden Bahnsteigplatten oder Überdachungen volkseigenem Designs. Die dunkelblauen Bahnhofsschilder nehmen sich in dieser Tristesse aus wie ein Ufo auf einer Ritterburg.
Hier lässt es sich aushalten! Am "Vorderen Gotthardteich" zu Merseburg.


VEB Deutsche Bahn AG (1).


Irgendwie macht mich diese eigenartige Gegend doch neugierig, auch neben den Gleisen. Ich stelle fest, dass sich in Merseburg eine Flinkster-Verleihstation am Bahnhof befindet. Das wird gleich ausgenutzt, und kurze Zeit später hoppele ich mit einem Kleinwagen in jene Gegend, in der einst tiefe Löcher in die Erde gegraben wurden.
Einst Braunkohle-Tagebau, heute Ausflugsgebiet: der Geiseltalsee bei Braunsbedra.


VEB Deutsche Bahn AG (2)


Direkt neben dem Stadtviadukt von Mücheln im Geiseltal lacht mich ein Abbruchhaus an. Todesmutig arbeite ich mich über morsche Treppen ins Dachgeschoss empor und werde mit einem prächtigen Blick auf die Brücke belohnt. Sogar ein Wal schwimmt vorbei. Wer Lust auf Schwimmen bekommen hat: rechts hinter den Bäumen schimmert der Geiseltalsee durch.
Wal-Fahrt über den Dächern von Mücheln im Geiseltal.


Original DDR-Straße mit stilechten Laternen. Sie war deutlich beständiger als die Prophezeiung von Erich Honecker in Bonn

Leipzig, die Halbmillionenstadt in Nordsachsen, hat zwar einen Hafen, aber keine Anbindung an das Schifffahrtsnetz. Das ist der geschichtliche Grund für den kleinen Abstecher, den ich auf dem Rückweg nach Merseburg noch einlege. Zu Zeiten des 3. Reiches wurde daher begonnen, von der Saale bei Merseburg einen Kanal nach Leipzig zu bauen. Im Bereich von Leipzig ist die aufwändig - teilweise weit über dem Niveau des umliegenden Geländes - trassierte Wasserstraße fertig gestellt. Der westliche Teil mit dem Abstieg hinunter zur Saale wurde dagegen nur begonnen, aber nie vollendet. Dies gilt auch für die imposante Bauruine der Schleuse Wüsteneutzsch, die seit nunmehr 80 Jahren nutzlos in der Landschaft steht. Pläne, den Kanal zu vollenden und Leipzig doch mit Binnenschiffen erreichbar zu machen, sie blieben Pläne.
Unvollendet seit über 80 Jahren: Schleusenruine des Elster-Saale-Kanals bei Wüsteneutzsch...


...durch die nie ein Schiff gefahren ist.


Auf dem Rückweg sehe ich im Gleisdreieck Merseburger Straße in Merseburg ein Straßenbahngespann aus drei Tatra-Wagen stehen. Es befindet sich auf Fahrschulfahrt, und das kann natürlich nicht undokumentiert bleiben. Ich frage das nette Fahrpersonal, in welche Richtung sie von hier fahren werden, fahre ein Stück voraus und erwarte das Trio am Abzweig nach Merseburg Süd mit dem Fotoapparat im Anschlag.
Klick! Und Staub! Auch die Weißenfelser Straße ist seit Zonenzeiten nicht wirklich modernisiert worden. Da passen die Tatras wunderbar ins Ambiente!


Der Rest des Tages ist schnell erzählt: die gummibereifte Nuckelpinne wird nach Merseburg zurück gebracht. Dort kommt wenige Minuten später ein Abellio-RE vorbei, mit dem ich über die Altstrecke durch das Saaletal nach Naumburg - Erfurt fahre.
Erfurt Hbf, Krawallschachtel über den Thüringer Wald nach Würzburg.


Den kleinen Aufenthalt in der Landeshauptstadt nutze ich zu einem Besuch der Wurstverkäufer auf dem Bahnhofsvorplatz. Nun kann ich beruhigt die Rückfahrt nach Ba-Wü antreten und besteige einen ICE nach Südwesten, aber...
...nicht ohne meine Thüringer!


Später ging es dann noch einmal in den Norden, mit dem RDC-Nachtzug Konstanz - Nordfriesland direkt von "meinem" kleinen Bahnhof nach Westerland auf Sylt. Eine wunderbare Direktverbindung - leider lebte sie nur einen Sommer! Aber das ist eine andere Geschichte. Aus der stammt auch das allererste Bild, ganz oben in diesem Bericht.


Epilog:
Alles gut also? Mehrere Tausend Kilometer mit dem Zug unterwegs gewesen, eine Menge Bekannte getroffen, viele Orte, Städte und Landschaften gesehen, dabei nicht angesteckt und stets in pünktlichen Zügen unterwegs gewesen? Das wäre vielleicht gelogen. Stellvertretend sei dazu noch ein weiterer Reisetag geschildert, der als Tagesausflug von zu Hause aus stattfand:

Im Sommer 2021 wurde im Süden Baden-Württembergs die „Biberbahn“ für den Ausflugsverkehr reaktiviert. Sie verbindet das Donautal bei Mengen mit dem Bodensee in Radolfzell. Das mit vielen Unterstützern umgesetzte Projekt war einer der schönsten Erfolge meines Berufslebens 2021: rostigen Schienen wieder Züge zurückzubringen. Wegen Unwetterschäden konnte am Eröffnungstag jedoch nicht die Gesamtstrecke befahren werden.

Das wollen Nina, die ich an dem Eröffnungstag kennen lernte und die ebenfalls eine engagierte Streiterin für den Schienenverkehr ist, und ich einige Wochen später im Rahmen einer Fahrradtour nachholen. Eigentlich wollte ich dazu morgens bequem mit dem Radexpress die 150 km nach Radolfzell fahren. Dort hätten wir uns getroffen, dann auf ganzer Länge die Biberbahn befahren und wären durch die pittorske Felsenlandschaft des Donautal stromaufwärts geradelt. In Tuttlingen wäre Nina dann nach Süden und ich nach Norden heimwärts gefahren.
So weit die Theorie.
In der Praxis beginnt der Tag in einem Mietwagen, mit dem ich auf dem Spätzle-Highway (Autobahn 81) und dem Fahrrad hintendrin nach Süden brause. Die „Biberbahn“, ein Zug der Hohenzollerischen Landesbahn (HzL), fährt uns und viele andere Ausflügler sodann planmäßig und pünktlich nach Mengen. Dort satteln wir die Drahtesel und radeln via Sigmaringen ins Donautal hinein. Allerdings nicht bis Tuttlingen, denn von dort wäre Nina erst am späten Abend und ich an jenem Tage überhaupt nicht mehr nach Hause gekommen. Die Radtour endet somit gegen 15 Uhr im winzigen Bahnhof Hausen im Tal. Dort hält zwei, drei Mal am Wochenende der „Naturpark-Express“ der HzL, der uns nach Sigmaringen zurück bringt. Ab Sigmaringen radeln wir nach Mengen hinüber und fahren mit der letzten Biberbahn zurück nach Radolfzell. Nachdem sich dort unsere Wege trennen, lade ich das Fahrrad in den Mietwagen und fahre zur Leihstation nach Stuttgart-Vaihingen zurück. Von dort soll eigentlich eine S-Bahn nach Böblingen fahren. Tut sie aber nicht. Zum Glück habe ich mein Fahrrad dabei, sodass ich in tiefster Dunkelheit die letzten 10 Kilometer durch den Wald heimwärts strampele.

Fazit: Ein schöner Tag, keine Frage! Aber: Statt, wie ursprünglich geplant, gegen 19 Uhr, bin ich gegen halb elf Uhr zu Hause und habe trotz vorhandener Fahrkarte einen Haufen Geld für Fahrzeugmiete und Sprit in den Wirtschaftskreislauf gegeben (und Dreck in die Luft gepustet).
Lost in Hausen im Tal. Nicht immer macht es uns die Eisenbahn einfach, sie zu lieben. An diesem winzigen Bahnhof bildet an jenem Sommertag immerhin noch 2x die Landesbahn eine Nabelschnur in die Zivilisation.


Der mündige Leser hat den Grund für diese Odyssee mit Schwerpunkt Improvisation sicher längst erkannt: Die DB wurde einmal wieder bestreikt, hier von der Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer. Das Streikrecht soll hier nicht in Frage gestellt werden, höchstens die hier praktizierte Art seiner Anwendung und das Schwarze-Peter-Spiel zwischen DB und GDL. Denn am Ende ist es immer der Fahrgast, der der Dumme ist, obgleich er am allerwenigsten etwas für die Scharmützel kann und den ganzen Zirkus am Ende auch noch bezahlt. Auch als überzeugter Bahnfahrer glimmt nicht nur an jenem Tage der Gedanke in mir, diesen ganzen Ärger mit der Eisenbahn, das "heute ohne Wagen 21-28", die nicht angezeigten Reservierungen, die Anschlussverluste wegen 20 Sekunden, die kruden bis schlichtweg falschen Informationen und als Höhepunkt 2021 die tagelangen Streiks einfach hinter mir zu lassen und mir das erste Mal im Leben doch noch ein Auto zu kaufen. Ja, da gibt es Staus und Parkplatzprobleme, es ist teuer und mit dem grünen Gewissen eigentlich nicht vereinbar. Doch ich könnte fahren, wann ich will und wohin ich will! Aber…

…ich befürchte, dass es 2022 doch wieder eine Deutschlandreise gibt. Mit dem Zug. Auch, wenn es konsequent inkonsequent ist.

Ziemlich zeitgleich mit der Erstellung dieses Beitrags erhielt die Republik gerade einen neuen Verkehrsminister. Ob er wohl etwas mehr für die Eisenbahn übrig hat als seine Vorgänger?


We apologize for travelling with Deutsche Bahn!


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