DEUTSCHLANDREISE 2020

In Erarbeitung. Aber ich bin ja auch noch nicht lange wieder zu Hause.

Ohne Zugbindung
Mit offenem Fenster.
Fenster auf - Rübe raus!

IC 2075 (Hamburg - Berlin), 22. Juni 2020




Basis: ältere DB-Streckenkarte für den Personenverkehr.


Prolog:
Der eigentliche Urlaub beginnt mit Arbeit, die Übergänge sind fließend: die DB hatte wegen einer Baustelle einen erhöhten Personalbedarf, sodass die frisch aus der Taufe gehobenen Samstags-Ausflugsverkehre auf der oberschwäbisch-badischen „Räuberbahn“ Aulendorf – Pfullendorf schon vor dem ersten Betriebstag zu scheitern drohten. Doof! Aber: wollen wir das? So beginnt an diesem Freitag eine Maschinerie an zu arbeiten, die das Ziel hat, diese Verkehre doch noch stattfinden zu lassen. Es laufen die Planung, die Eruierung, die Abstimmung und die Gegenprüfung an, es müssen die Personalgestellung, die Finanzierung und die Trassenbestellung bei drei Infrastrukturunternehmen geklärt werden, und kommuniziert werden soll das ganze ja auch noch. Problem: der erste Verkehrstag soll bereits der kommende Sonnabend sein. Also in gut einer Woche. So machen sich Bernd, Oliver, Frank, Leonie, Meinhard, Dietmar und Markus (ich hoffe, keinen vergessen zu haben) jeder in seinem Bereich auf dem Weg, damit die Fahrten durch die Schwäbische Alb-Bahn gefahren werden können. Ob´s gelingt? Mit dieser unbeantworteten Frage verlasse ich am Mittag meinen Arbeitsplatz und starte via Würzburg nach Norden.


Deutschlandreise 2020:
Mit einem erfreulich pünktlichen Regionalexpress der Firma Go-Ahead arbeite ich mich am frühen Nachmittag von Stuttgart durch Badisch Sibirien nach Würzburg vor. Der Zug von Würzburg nach Hamburg ist dann ein ICE2-Halbzug. Wer sich diese brettharten Sitze ausgedacht hat, gehört zu einer 10-stündigen Fahrt auf dem Gestühl vergattert. Ex-DB-Chef Mehdorns Ausspruch, Bahnfahrten über 4 Stunden seien eine Tortur, bekommt eine hausgemachte Bestätigung. Immerhin ist – Corona sei „dank“ – der Zug auch auf den Freitag Nachmittag nur leidlich gefüllt, sodass ich rezeptfrei einen Sitzplatz in Fahrtrichtung ergattere. Linke Seite natürlich. Man muss ja schließlich sehen, was so alles entgegen kommt.

Am späten Nachmittag komme ich in Hamburg Hauptbahnhof an und übernehme zum „Bahncard-Promo-Tarif“ für einen ausgesprochen fairen Preis ein Automobil, mit dessen Hilfe ich mich über das kommende Wochenende auch abseits von Bahnhöfen und Haltestellen im schleswig-holsteinischen Hinterland bewegen möchte. Das klappt auch recht gut, und auch die Fahrt durch den Freitag-nachmittäglichen Stoßverkehr aus Hamburg heraus geht doch deutlich schneller als gedacht. So bin ich gegen 19 Uhr schon auf Höhe von Heide (Holstein). Und da die Sommertage im Norden so herrlich lang sind, fahre ich noch weiter hoch: Das Standhotel Dagebüll/Doogebel, direkt mit Seeblick am Deich gelegen, bietet Rest-Zimmer für weniger als 50 Euro an – mit Frühstück! Also, Nordfriesland wird das Ziel!
Festgemauert... nicht in der Erden, sondern im Teenie-Befruchtungsschuppen zu Tiebensee (bei Büsum)


Dieser Moment, nach langer Zeit über den Deich zu schauen, und dahinter liegt es dann: das Meer - ach, das ist jedes Mal wieder eine Offenbarung! Einmal innehalten, die endlose Weite genießen, durchatmen... Ich mag das! Schnell checke ich im Strandhotel ein. Anschließend geht es noch einmal runter an die Promenade. Schuhe aus, Hosen hochgekrempelt, und nachdem ich heute früh noch vor meinem Schreibtisch-Monitor mitten in Stuttgart saß, laufe ich nun in völliger Einsamkeit durch das Watt. Also... das hat was! Wie so ein Filmriss "wir unterbrechen Ihren Alltag jetzt für einen kurzen Trip ans Meer". Aber in echt! Dann setze ich mich mit einem Buch zum Lesen auf den Deich. Inzwischen trudeln auch die ersten Rückmeldungen der Kollegen zu den Pfullendorf-Verkehren ein. Trasse ist abgestimmt und bestellt, ein Lokführer - Frank persönlich! - gefunden... Es läuft gut an! Ja, man soll im Urlaub nicht arbeiten. Aber deswegen einen Zugverkehr nicht stattfinden lassen? Das wäre erst Recht gegen die Ehre! So sitze ich an diesem Freitag ganz im Norden auf dem Deich und versuche, die Vorbereitung von Zugverkehren in Oberschwaben auf dem Smartphone zu koordinieren. Schließe ich die Augen, dann sehe ich die kleine Nebenbahn in Baden-Württemberg und die Kollegen und Kolleginnen, die da genauso ticken wie ich: der Zug muss fahren! Öffne ich die Augen, dann blicke ich auf das glitzernde Wattenmeer und die Sonne, die hier selbst abends um 22:30 Uhr noch waagerecht über dem unverstellten Horizont steht. Ist das (sorry) geil!


Tag 1:
Der nächste Tag beginnt etwas wolkenverhangen, aber am Vormittag ändert sich das. Mal kurz bei der Norddeutschen Eisenbahngesellschaft (neg) Niebüll/Naibel auf ein kurzes "Moin" vorbei geschaut, ob da gerade jemand Bekanntes Dienst hat, mal einfach eine Runde in die Sonne gelegt, auf dem Deich eingeschlafen und einen fulminanten Sonnenbrand eingefangen. Einfach können, nichts müssen! Auch die Züge der neg sind zwischendurch immer mal wieder ein Fotomotiv: da die DB gerade keine Intercity-Kurswagen auf die Mole abgibt, müssen zwei neg-Triebwagen für die notwendige Kapazität zum Bettenwechsel (Sonnabend!) sorgen. Der "hessische" 629 bekommt gerade seine Hauptuntersuchung in Niebüll/Naibel, also muss der kleine T4, der "Flachland-Tiroler" österreichischer Provenienz, aushelfen und den "Luxemburger" 629 unterstützen.
Flachland-Tiroler an der Nordseeküste! Der Kleine schleppt den Großen. Dafür fehlen die Kurswagen.


An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand, blöken die Schafe ja wie blöd auf dem Deich. Leider sind die Viecher ziemlich schreckhaft. Mein selbst gestecktes Tagesziel ist es, einmal so ein Pulloverschwein mit dem Zug auf ein Bild zu bekommen. Von früheren Exkursionen an den Hindenburgdamm weiß ich, dass das nur mit viel Geduld geht. So bin ich rund 15 min vor dem Zug auf dem Deich und erschleiche mir das Vertrauen der Schafe. Gaaanz langsam annähern, ihnen nicht ins Gesicht schauen, keine hastigen Bewegungen, und dann lassen sie einem bis auf zwei, drei Meter rankommen. Und tatsächlich:
Das Ergebnis hart erarbeiteten Vertrauens: Zug mit Pulloverschwein, das vorher nicht weggelaufen ist.


Am Nachmittag arbeite ich mich langsam Richtung Dithmarschen vor. Am kommenden Morgen will ich mich mit Christoph an der Hochbrücke Hochdonn über den Nord-Ostsee-Kanal treffen. Die endlosen Tage lassen einen jegliches Zeitgefühl vergessen. Selbst um 20 Uhr fühlt es sich noch so an wie am späten Nachmittag. Auf der Marschbahn werden noch ein paar entgegen kommende Züge verhaftet.
Zwischenstopp bei Bredstedt/Bräist. Zufällig kommt die rote Heulsuse vorbei.


Ich beziehe ein Zimmer in Hanerau-Hademarschen. Muss man nicht kennen. Liegt an der Nebenbahn Heide - Neumünster, deren völlig "optimierte" Infrastruktur (40 km ohne Kreuzungsbahnhof - ja, so geht zukunftsträchtige Eisenbahn!) nicht mehr als einen Zwei-Stunden-Takt zulässt. Zufällig passt einer der wenigen Züge zeitlich gerade zu meiner Überquerung des Nord-Ostsee-Kanals in Grünenthal.
Nur auf wenigen Brücken lässt sich der NOK auch zu Fuß überqueren, 42 m über dem Kanal und herrliche Ausblicke inklusive. Ab und zu poltert auch eine Eisenbahn über die Grünenthaler Hochbrücke.


Tag 2:
Der nächste Morgen beginnt entspannt, denn vor dem späten Vormittag muss ich nicht in Hochdonn sein. Das erste Mal wache ich gegen 04 Uhr irgendwas auf, denn draußen ist es schon taghell. Wie schön, wenn man dann einfach noch weiter schlafen kann! Im Gegensatz zu 2019, als um 5 Uhr die Überfahrt des D-Zuges Hamburg - Westerland mit 628 in Hochdonn den Tag eröffnen sollte. Frühstück gibt es in dem kleinen Landgasthof wegen der Corona-Nachwehen trotz hauseigener Gaststätte nicht, also schaue ich einmal an der Nebenbahn vorbei. Wie die dort aktiven Triebwagen der "Nordbahn" aussehen wisst ihr ja schon spätestens seit dem letzten Bild. Dafür zeigt Mutter Natur, was sie so alles an Wundern in der Tüte hat.
Der Beweis: es gibt auch homosexuelle Kühe!


Sodann bewege ich mich mit dem Kraftwagen Kanal-aufwärts (oder Kanal-abwärts? Egal) auf sonntäglich-ruhigen Landstraßen nach Hochdonn. Zweimal quere ich das Gewässer auf einer Autofähre, die ja bei Kanalüberfahren kostenlos sind.
NOK-Fährpassage 1: noch ist die Hochdonner Brücke weit weg. Die Überfahrt kostet 2 Euro in das Spendenschiff der DGzRS (rechts).


NOK-Fährpassage 2: Jetzt sind´wa da! Die Überfahrt kostet 2 Euro in das Spendenschiff der DGzRS (unten).


Sehr rechtzeitig komme ich an dem 100 Jahre alten Bauwerk an, welches, die Landschaft überragend, den Seeschiffen bis 42 Metern Höhe eine Unterquerung der Marschbahn Westerland - Hamburg ermöglicht. Ob die Erbauer damals auch nur ansatzweise erahnten, welche Lasten ihre Brücke ein Jahrhundert später einmal zu tragen hätten? Und dass sie dies auch anstandslos tut? Zugegeben - der Instandhaltungsaufwand ist mächtig. Tatsächlich ist 2020 für lange Zeit das letzte Jahr, in dem man den stählernen Tausendfüßler ohne Gerüst oder Planen bewundern kann: in den kommenden Jahren wird eine komplette Rostschutzsanierung vorgenommen. Muss sein, sieht aber irgendwie kacke aus...
Tausendfüßler, hundert Jahre.


Oben, wo die Brücke auf dem breiten Bahndamm endet, stehen bereits zwei andere Herren. Ein Holländer und ein Mann, der sich weniger für die Eisenbahn als für die Brücke selbst interessiert. Nur Christoph ist nicht da. Nanu? Ein wenig Zeit bis zur Überfahrt des Intercitys "Nordfriesland", der mit den beiden blauen Leih-218 ("Schlümpfe") der Pressnitztalbahn bespannt sein soll, haben wir noch. Zuerst kommt ein Lint-Triebwagen, dann ein Regionalexpress, und dann... quasi in letzter Minute kommt Christoph, in voller Motorradfahrer-Montur, den Damm hinauf geklettert. Zu dem Zeitpunkt sitze ich schon in einem Baum und hoffe, den auch unfallfrei wieder verlassen zu können. Denn das lernt man schon als Kind: hoch ist einfacher als runter.
Der Lokführer ist ein Depp: obwohl von uns vieren niemand auch nur ansatzweise in Gleisnähe steht (ich schon gar nicht), kommt er mit Dauerpfeifen angerollt und streckt einen Fuck-Finger aus dem Führerstandsfenster. Kollege, hier ein Tipp: werde Rangierlokführer auf einem Güterbahnhof. Im nächtlichen Schein der Cargosonne wirst du bestimmt nicht fotografiert.
IC "Nordfriesland" (Westerland - Köln - Stuttgart) mit den beiden Schlümpfen und einem doofen Lokführer.



Wir verlassen die Örtlichkeit, quatschen unten noch mit einem Drohnen-Fotografen aus dem Landkreis Osterholz-Scharmbeck und beschließen, uns mal in die "Burger Berge" zu begeben. Also, was in Schleswig-Holstein so als "Berg" durchgeht. Die liegen ein Stück westlich der Brücke und damit schon auf der "schleswigschen" Seite des NOK. Es folgt NOK-Fährpassage Nummer drei. Etwa 30 min später treffen wir uns - Christoph mit deinem "Mopped", wie er seinen Feuerstuhl nennt, ich mit meinem blauen Schade (bzw. die tschechische Bedeutung dieses Wortes) - an einer winzigen Feldwegbrücke über die Marschbahn, unter der wohl schon der "Adler" durchgefahren ist. Der Rest ist schnell erzählt: wir lassen es absolut ruhig angehen (schließlich ist ja Sonntag), haben viel zu erzählen, plaudern mit den wenigen Eingeborenen, die vorüber kommen, sitzen ansonsten in der Sonne und sind völlig gestresst, wenn sich am Ende der langen Gerade doch wieder ein Zug ankündigt, den es auf dem Pixelfriedhof zu verewigen lohnt. Auch die Wolken sind stets zur rechten Zeit vor der Sonne verschwunden.
Mit Durchblick: Auf der Feldwegbrücke bei Burg.


Streeess! Schon wieder ein Zug! Christoph sucht bereits das Weite (ganz rechts auf der Brücke). Ob er es findet?


Irgendwann trennen sich unsere Wege. Ich fahre - Kanalquerung Nummer 4 mit der Fähre - wieder auf´s "holsteinische" Kanalufer, suche nach den letzten Resten der alten Marschbahn, die bis 1920 mittels Drehbrücke den NOK überquerte (ein letztes, weiter verwendetes Relikt davon ist übrigens die Schlei-Klappbrücke Lindaunis zwischen Flensburg und Kiel) und fahre langsam gen Hamburg. Dort hole ich gegen 18:30 Uhr Ben, den Freund meiner Schwester, in Harburg vom Zug ab. Er war mit einem Kumpel zur Fußball-Europameisterschaft in München. Die EM wurde zwar abgesagt, aber nach München kann man ja schließlich trotzdem fahren.
Anschließend fahren wir zu meiner Schwester nach Neu Wulmstorf auf dem Hamburger Balkan, wo ich längere Zeit meiner Kindheit verbrachte. Dort wartet schon ein Nudelauflauf mit viel Käse auf uns. Hmmm! Wir machen einen kleinen Ortsrundgang, und ich staune, was sich seit meinem letzten Besuch so im Laufe der Jahre alles verändert hat. Und was noch genauso ist wie früher. So gibt es im Ort einen der wenigen deutschen Autohändler, der den russischen Lada verkauft. Irgendwann gegen Mitternacht begeben wir uns in die Waagerechte. Ich bin der erste Schlafgast in ihrer neuen Wohnung!
Eisenbahn-Archäologie: zu welcher Hauptstrecke gehörte die Brücke, die hier bis 1920 stand?


Tag 3:
Um 7 Uhr verlassen meine Schwester und Ben ihre Wohnung. Die Ärmsten müssen arbeiten gehen... Ich habe heute noch genau zwei Verpflichtungen: Bis 10 Uhr muss der Mietwagen am Hamburger Hauptbahnhof zurück gegeben sein, und um 15 Uhr will ich mich mit Ingulf in Berlin am Ostbahnhof treffen. Entsprechend stressfrei beginne ich den Morgen, inspiziere den Kühlschrank von innen und mache mich gegen 8 Uhr langsam auf den Weg. Mit dem Auto in die Hamburger Innenstadt zu fahren ist nicht wirklich vergnügungsteuerpflichtig. An der gefühlt 17. roten Ampel frage ich mich, weshalb sich das -zig-Tausende Menschen jeden Tag antun... Na gut, man kann unbeobachtet in der Nase bohren und über die anderen schimpfen, die ja schließlich alle doof sind. Immerhin scheint die Rush-Hour schon ziemlich durch zu sein, jedenfalls komme ich doch überraschend gut durch. In Heimfeld reicht die Zeit noch zu einem kleinen Fotostopp für die S-Bahn: Extra für mich ist direkt unter der S-Bahn-Brücke über die B73 ein Parkplatz frei, und die S-Bahn präsentiert bei den nächsten drei Zügen, die im 5-min-Rhythmus durchkommen, alle ihre drei aktiven Fahrzeugtypen. Auch der Wolkenschaden bleibt aus. Effizienter geht es nicht!
Leistungsschau der Hamburger S-Bahn in 15 Minuten: drei Züge, drei Baureihen!


Über Harburg, die Bagaluten-Stadtteile auf der Elbinsel - yeah, dabei wird mein Kraftwagen doch noch mal vom Auto zum Stauto - und die Elbbrücken rolle ich sodann gen City. Schnell den Wagen im 2. Untergeschoss des Parkhauses versenkt, und mit einer Punktladung gebe ich um Zehn vor Zehn Uhr den Schlüssel am Europcar-Schalter ab. Etwas Ärger gibt es später noch bei der nachträglichen Abrechnung, als man mir eine Bahnhofsgebühr von 19 Euro auf den Zettel setzt, obwohl die beim Bahncard-Tarif inkludiert ist. Aber davon weiß ich in diesem Moment noch nichts, als ich mit einem 472 nach Altona und im Sinne einer freien Platzwahl dem Zug nach Berlin entgegen fahre.

Zwei Züge stehen im dortigen Kopfbahnhof zur Fahrt nach Berlin bereit, als ich den Querbahnsteig betrete. Ein ICE, Abfahrt um 10:19 Uhr, und ein Intercity, Abfahrt 10:39 Uhr. Der nennt sich 2075, fährt nur montags, und vorne an der Zugspitze ist unschwer ein Interegio-Steuerwagen auszumachen. Damit ist die Entscheidung schon gefallen. Längst lacht die Sonne von einem inzwischen fast wolkenlosen Himmel - was kann einem da besseres passieren als ein Fenster-auf-Wagen? So beziehe ich eines der beiden Abteile und freue mich fast ein wenig auf die nun folgende Fahrt nach Berlin, trotz der einschläfernd-eintönigen Strecke. Spannend wird es höchstens noch einmal am Hauptbahnhof, wo die Züge meist recht voll werden - wie voll wird mein IC? Am Haltepunkt Dammtor fahren sogar wir durch, wie angenehm!

Am Hauptbahnhof steigt Svenja (Name von der Redaktion geändert) zu, die auf ihrem Weg von Kiel nach Berlin mit einem Fahrrad zielstrebig den Steuerwagen ansteuert (der wäre damit also eigentlich ein Ansteuerwagen). Mit ihrem Radlergepäck, den blonden Haaren, Rucksack und den Dreiviertelhosen passt sie wunderbar zu diesem Sommersonnentag, als sie ihr Fahrrad verlädt und dann auf Platzsuche geht, während ich vom Gang aus das Treiben auf dem Bahnsteig beobachte. Ob in „meinem“ Abteil noch etwas frei wäre. Oh weh, ist das das Ende des Rübe-Rausstreckens, von wegen „es zieht“? Neinnein, das ist überhaupt kein Problem, deshalb würde sie ja genau hier sitzen wollen! Aha, so etwas gibt es also auch? Ich bin begeistert! Tatsächlich finden Großteile der folgenden Fahrt dann auch am offenen Fenster des Seitenganges statt, während wir uns den Sommerwind um den Kopf wehen lassen.
Parallelfahrt bei Hamburg-Veddel. Unsere Intercitys fahren exakt das gleiche Tempo!


Die Maske tagen wir dabei übrigens nicht so konsequent, wie es das Gesetz vielleicht gerne möchte, denn mit dem Kopf befinden wir uns ja schließlich auch nicht im Zug. Wir wundern uns über den seltsamen Laufweg des Zuges via Uelzen, den offenbar noch nicht einmal die Schaffnerin bemerkt hat, oder philosophieren zwischendurch im Abteil über die Sinnhaftigkeit von Lärmschutzwänden fernab menschlicher Ansiedlungen und darüber, wie man das Wissen der Medizin mit dem Interesse an Literatur verbinden kann. Zwischendurch gibt es eine Parallelfahrt mit einem anderen Intercity (siehe Bild oben) und bei Bad Bevensen einen Zugstau, der uns am Ende rund 30 min mehr Zeit zum Quatschen gibt als im Fahrplan vorgesehen.
"Auf der Strecke 110 kommt es im Bereich Bad Bevensen zu zähfließendem Verkehr und Stau. Die Umleitungsempfehlung..."


Außerdem werde ich davon überzeugt, dass eine Thermoskanne für den Getränkevorrat doch irgendwie praktischer ist als diese labberigen Einweg-Kunststoffflaschen in der Rucksack-Seitentasche. Svenja, falls du das hier liest: die Mission ist erfüllt! (Nachtrag: sie hat es gelesen und dazu gleich gratuliert!)

Im Berliner Hauptbahnhof trennen sich unsere Wege. Da ich an diesem Tage nur von Hamburg statt wie ganz ursprünglich geplant von Stuttgart komme, habe ich bis zum Treffen mit Ingulf ausreichend Zeit, in meiner Unterkunft an der Jannowitzbrücke einzuchecken. Das eigentlich bestellte „Eckzimmer oben“ mit einen prächtigen Stadtbahnblick ist in den Wirren der Corona-Regularien allerdings noch nicht gemacht worden. Das Zimmermädchen kassiert deswegen vom Capo des Hauses zwar einen Anschiss, aber das hilft mir auch nicht weiter. Egal, also wird es das Nachbarzimmer. Schnell unter die Dusche, den Staub der Reise am offenen Fenster aus den Haaren gewaschen, und es geht mit der S-Bahn die Station rüber zum Ostbahnhof.
Blick aus dem Hotelfenster in Berlin.


(hier: Treff mit Ingulf auf dem Boot, Spree-Fahrt + Müggelsee)
Der sollte eigentlich gar nicht kommen. Kam aber. Spreebrücke Spindlersfeld von der Wasserseite aus gesehen.


Manchmal ist auch Berlin fast so schön wie Hamburg (aber nur manchmal)! Sonnenuntergang auf dem Müggelsee.


Tag 4:
Der Terminkalender dieses Tages ist recht übersichtlich: Treffen mit Martina, irgendwo, irgendwann in Berlin, Ende offen. „Irgendwann“ deswegen, weil Martina an diesem Tage einen neuen Kühlschrank bekommen soll, nachdem ihr alter zum Auslaufmodell wurde. Und ein Leben ohne Kühlschank ist nicht lebenswert. Wir vereinbaren, uns einfach ad hoc dann zu treffen, wenn die Kühlschrank-Fritzen dagewesen sind. Sie soll sich dann einfach melden, dann stimmen wir einen Treffpunkt ab. Da es auch in diesem Hotel mit der universellen Begründung "Corona" eh kein Frühstück gibt und das Zimmer auch erst bis high noon geräumt sein muss, schlafe ich einfach einmal aus. Gegen 10 Uhr rufe ich Leonie an, die gestern noch eine Nachfrage zu den Pfullendorf-Fahrten (remember den Prolog!), ich nach dem Tag auf Ingulfs Boot aber spätabends keine Lust mehr zum Schreiben hatte. Eigentlich wäre es nur eine 5-min-Verständnisfrage gewesen. Aber wie fast immer verquatschen wir uns, schließlich werden es fast eineinhalb Stunden, sodass ich am Ende sogar noch auf die Uhr schauen muss, bis 12 Uhr aus dem Zimmer zu sein. Auch Martina hat sich inzwischen gemeldet, vor 14:30 Uhr wird das wohl nichts. Das ermöglicht ein kurzes Treffen mit Michael in Spandau, mal kurz zum konspirativen Informationsaustausch. Mit dieser Planung laufe ich zum Bahnhof Alexanderplatz und fahre weiter zum Mehdornium, former known as Berlin Hauptbahnhof.
Die Besteigung des Tele-Spargels muss verschoben werden, der ist gerade im Keller zur Reparatur.


Der nächste Zug nach Spandau ist der ICE um 12:38 Uhr nach Hamburg, denn da ganz mit der S-Bahn rauszuzockeln habe ich irgendwie keine Lust. Der dann aus München kommende Zug ist ein mäßig besetzter ICE 4, den ich im vorderen Teil besteige. Während ich mich an einer Vierer-Sitzgruppe einrichte, kommt den Mittelgang aus der anderen Richtung, Rucksack, blonde Haare, wenngleich ohne Fahrrad... Svenja, aus dem Intercity gestern! Kann die Welt so klein sein? Sie ist auf dem Rückweg nach Kiel. Wir begrüßen uns wie alte Bekannte! Das kurze Treffen bis Spandau knüpft sofort dort an, wo es gestern endete, nur eben jetzt ohne offenes Fenster und deshalb mit Maske. Dann steige ich aus. Ob wir uns irgendwann in diesem Leben wohl noch ein drittes Mal begegnen?

In Spandau treffe ich noch eine andere Bekannte: Die nagelneuen, ehemals Stuttgarter 147, die dort zunächst dem Ausschereibungsverlust und dann der Arbeitslosigkeit zum Opfer gefallen sind, haben vom Landeshauptstädtle in die Bundeshauptstadt rüber gemacht. Was für eine Karriere! Einen Tiefbahnhof gibt es hier aber schon.
Eine Württembergerin in Spandau.


So richtig viel Zeit zum Austausch mit Michael ist jedoch nicht, er muss auch gleich weiter. Beim Hühnermann KFC schiebe ich mir schnell einen Burger in den hohlen Zahn, falls Martina schon gegessen haben sollte. Draußen zwischen Bahnhof und „Spandau-Arcarden“ setze ich mich mit meinem Burger auf die Umfriedung eines Blumenrabattes, als mir ein komischer Typ ein Gespräch aufzwingen will, von wegen er werde vom Verfassungsschutz gesucht, und die Bundesregierung würde sowieso bald zu Fall kommen. Junge, was immer du dir morgens einwirfst: nimm weniger davon!
Die auffallend vielen dicken Menschen, die in Spandau zwischen Einkaufszentrum und Bahnhof herumlungern, sollen mir eine Mahnung sein, nicht so oft zum Burgerbrater zu gehen. Allerdings ist es bei mir auf diesen mehrtägigen Bahn-Reisen meist so, dass ich Gewicht verliere, da ich oft keine Zeit oder Lust zum Essen habe. Corona hilft bei der Entfettungskur auch kräftig mit, wenn es morgens in der Unterkunft kein Frühstück gibt und man z.B. auf einen Sonntagmorgen im Dithmarschener Hinterland auch nicht wirklich viele Alternativen zur Nahrungseinnahme findet. Mit diesen bedeutungsschweren, aber nicht übergewichtigen Gedanken steige ich in den Triebwagen zum Gesundbrunnen, fahre mit der S-Bahn noch eine Station zur Bornholmer Straße weiter und laufe Martina entgegen, die aus der anderen Richtung zum Bahnhof hochkommen will.
In Berlin darf man den ganzen kackenden Hund in die Mülltonne werfen.


Unglaublich! Alles zugeparkt!


Laubenpieper-Idylle. Spießig? Egal, hier lässt es sich auch im Sommer gut aushalten. Stößchen!


Streifen machen schlank. Auch Brücken.


Tag 5:
Kleiner Hinweis: auf der Karte müsste oben in Warnemünde eigentlich eine 5 stehen, keine 6.


Morgens, 6:30 Uhr, im Kiss-Intercity-Triebwagen an die Ostsee. Ich bin der einzige Fahrgast im Tiefgeschoss. Da kann man - pssst! - auch heimlich mal die Maske absetzen.


Rostock-Warnemünde, Alter Strom.


09:15 Uhr, schon am Meer, leerer Strand. Geil! Letztes Bild vor dem Barfuß.


Oha, die schwimmende Kavallerie läuft aus! Die Annektion Dänemarks geht in die heiße Phase!


Die weißen Tauben sind Möwen.


Warnemünde Werft, Kiss-Intercity nach Dresden. Dank Corona mal ohne die schwimmenden Plattenbauten Kreuzfahrtschiffe im Hintergrund.


Personen im Gleis! Weiterfahrt unbestimmt verzögert! Immerhin haben wir uns zum Abwarten den schönsten Bahnhof der ganzen Strecke ausgesucht.


Kultur kann ziemlich anstrengend sein! Kassel von oben vom Schloss Wilhemshöhe. Betonung auf "Höhe".


Kassel-Wilhelmshöhe: Blick aus dem Hotelzimmer auf den Palast der vier Winde (vorne), den Herkules (hinten) und den Mond (oben) - zu- oder abnehmend?


Tag 6:
Nun begrüßt mich der neue Tag also in Kassel! Das war zwar nicht geplant, hat sich aber so ergeben. Ich versuche, mir den Tag gleich am frühen Morgen zu versauen und stelle mir den Wecker auf 5 Uhr. Ein glatter Verstoß gegen das Erholungsgebot im Urlaub oder gar gegen die Genfer Menschenrechtskonvention. Dies aber nicht, um als früher Vogel Würmer zu fangen, sondern um zum Tagesauftakt die große Fuldabrücke bei Altmorschen, ein Stück südlich von Kassel gelegen, vor die Linse zu nehmen. Dort überquert die Schnellfahrstrecke Hannover - Kassel - Würzburg in kühnem Schwung das Fuldatal. Zur lichtbildnerischen Umsetzung eignet sich aufgrund des Sonnenstandes und der Bewaldung der umliegenden Berge allerdings nur der frühe Morgen und der Abend, und das natürlich auch nur im Sommer. Also: jetzt! Und wenn man schonmal hier ist und vor Ort so früh in den Tag starten kann...

Noch vor Sonnenaufgang übernehme ich einen zuvor gebuchten „Flinkster“-Carsharing-Wagen direkt am Bahnhof Wilhelmshöhe. Das klappt auch perfekt, bis ich zur Schranke an der Parkplatzausfahrt gelange. „Bitte Karte einschieben“ meint der Automat. Da ich aber zuvor nicht auf den Paktplatz aufgefahren bin, habe ich natürlich auch keinen Parkkarte. Was nun? Im Auto finde ich eine Plastikkarte, wohl eine Sonder-Edition für Dauerparker, die ich dann in dem Schlitz versenke. Plastik mag der Automat aber offenbar gar nicht und spukt die Karte immer wieder aus, egal wie herum und mit welchem Nachdruck ich sie einschiebe. Zum Glück ist es morgens früh um 5 Uhr irgendwas, ansonsten hätte sich hinter mir sicher schon eine längere Schlange hupender Kraftwagen aufgereiht. In meiner Not halte ich die Plastikkarte einmal seitlich an den Automaten, wo eine schwarze Kontrastfläche zu sehen ist - und die Schranke öffnet sich! Na gut, so geht das also.

Diese blöde Aktion hat mich am Ende fast 10 min gekostet, aber über die morgendlich-leeren Straßen, zumal stadtauswärts, komme ich gut ans Ziel. Dieses lautet... Moment, noch einmal nachschauen... genau: Heina. Das ist ein winziges Dörfchen oberhalb der Brücke, wo nicht einmal ein regelmäßiger Linienbus hinfährt. Die Reiseauskunft schlägt Verbindungen vor, bei denen man zum Teil zwischen zwei Anruf-Sammel-Taxis umsteigen muss. So weit geht die Liebe zum Nahverkehr dann doch nicht. Da ist das Mietauto dann doch die klügere Wahl. Inzwischen ist auch die Sonne richtig über den Berg gekommen, auch der Morgen-Schlonz hat sich völlig aufgelöst, die Ausleuchtung ist prächtig. Von verschiedenen Standorten wird in der folgenden Stunde, so lange das Licht noch nicht rumgewandert ist, der ICE-Verkehr in Pixel umsortiert. Dankenswerter Weise kommt bis auf den „Dreier“ nahezu die ganze Bandbreite an ICE-Typen vorbei. Dabei wird es schon wieder richtig warm. Sonnenbrand morgens um halb sieben Uhr? Should´t be. In... äh, Heina City beginnt auch langsam das dörfliche Leben zu erwachen. Hähne krähen, Mama bringt den Nachwuchs im SUV zur Kita in die Zivilisation ins Tal hinunter, Trecker rücken mit schwerem Gerät aus. Die ICE-Züge, die unterhalb des Ortes in einem Tunnel verschwinden, scheinen da wie aus einem Parallel-Universum zu stammen.
Trotz Beton-Barock: Morgenstund hat Gold und das schönste Licht im Mund.


Wo ich den Wagen nun schon einmal habe, betreibe ich noch ein wenig Eisenbahn-Archäologie an der „Kanonenbahn“ und schaue bei der Regio-Tram vorbei, die nach dem „Karlsruher Modell“ die Kasseler Innenstadt auf Eisenbahnstrecken mit dem Umland verbindet.
Während rechts die Straßenbahn mit Getreide beladen wird, braust auf der Hauptstrecke der IC von Gera nach Köln vorbei (Melsungen).


Dann zieht es allerdings innerhalb kurzer Zeit zu. Auch das Bild von der großen Werratalbrücke bei Hedemünden, welches mir schon so lange Zeit vorschwebt, versinkt im leichten Nieselregen. Immerhin ist der nächste Zug einer aus den ehemaligen „Metropolitan“-Wagen, da drücke ich dann doch einmal ab.

Beim Warten auf der Brücke über die sechsspurige Autobahn 7, immerhin Deutschlands längste Straße (Flensburg - Füssen) bekomme ich unfreiwillig einmal unmittelbar vor Augen geführt, wie wahnsinnig viele Lastwagen da unterwegs sind. Die rechte Spur ist quasi durchgehend von Lastern belegt. Sie liefern sich hier am Fuße der Kasseler Berge, mithin der ersten nennenswerten Erhebung seit der Kieler Förde, mitunter regelrechte Elefantenrennen über die Mittelspur. Wie kann man diese -zig Tonnen schweren Dinger nur "Brummis" nennen? Dicke Brummer sind das... Zu gerne hätte ich einmal einen Blick in die LKW geworfen, was die so alles transportieren. Äpfel aus dem Alten Land an den Bodensee? Dafür bayerische Milch nach Schleswig-Holstein? Und geschätzt ¾ der Fernlaster stammen aus Polen, Bulgarien und anderen osteuropäischen Ländern. Wieso wird da immer von „Verkehrsverlagerung“ gesprochen, von „Güter auf die Bahn“? Mit dem, was hier in den wenigen Minuten meines Wartens unter mir vorüber fährt, wäre die Eisenbahn völlig überfordert. Vielleicht wäre ja „Verkehrsvermeidung“ der bessere Weg. Offenbar ist Verkehr noch viel zu billig, dass sich so ein Irrsinn überhaupt lohnt.
Elefantenrennen in den Kasseler Bergen und der MET-IC(E) bei Mistwetter auf der Werratalbrücke Hedemünden.


Mit Blick auf das Satelliten-Wetter-Radar ist in den kommenden Stunden keine wirkliche Wetterbesserung zu erwarten. Also erfülle ich mir - wie gesagt: wenn man schon einmal dort ist - einen kleinen persönlichen Wunsch, den ich seit Jahr(zehnt)en vor mir herschiebe: den Besuch des Weser-Ursprungs. Die Weser hat bekanntlich keine eigene Quelle, sondern wird aus den Flüssen Werra und Fulda gebildet. Diese fließen hier, im äußersten südlichen Zipfel Niedersachsens, zusammen und bilden „deutsch bis zum Meer, den Weserfluss“. Ein paar Hundert Kilometer weiter nördlich habe ich an jener Weser das elektrische Licht der Welt erblickt.

Hannoversch Münden, kurz: Hann Münden, entpuppt sich als ein wunderschönes Kleinstädtchen mit Charakter und viel Fachwerk. Also, sehr nett! Südlich der Stadt, die quasi im Zwickel von Werra und Fulda liegt, liegt dann der Weserursprung. Angenehme Erkenntnis dabei: man darf den Kraftwagen kostenlos auf einem nahen Parkplatz abstellen! So sehe ich die junge Weser endlich einmal dort, wo sie geboren wird. Auf dem Weserstein ist das bekannte Gedicht eingemeißelt, auf anderen Tafeln wird über die Flüsse informiert und deren Namen philosophiert. Sogar ein winziger Ausflugsdampfer ist am Ufer vertäut, der wegen Corona aber momentan an der Kette liegt. Erfreulicher Weise ist der Ort dabei aber überhaupt nicht überlaufen, sodass ich einfach einmal ein paar Minuten innehalten und meine Gedanken die Weser hinab schweifen lassen kann.
Endlich! Nach so vielen Jahrzehnten bin ich endlich einmal am Weserstein.


Man kann sich kaum vorstellen, dass dieses kleine Flüsschen später einmal riesige Seeschiffe auf seinem Rücken tragen wird.
Die Fulda ist sauer, weil sich aus ihrem Namen kein einziger Buchstabe im Namen "Weser" wiederfindet, von der Werra dagegen gleich, zwei... nein, drei!


Zufrieden verlasse ich diesen wirklich schönen Ort. Sodann lenke ich den Wagen zurück nach Kassel-Wilhemlshöhe und schaue, was da in Richtung Süden alles im Angebot ist - so langsam möchte ich zum Wochenende auch einmal wieder zu Hause vorbei schauen.

Ziemlich fies ist dabei, dass gleich oben als erster Zug der Anzeigetafel der Intercity "Wattenmeer“ nach Westerland angeschlagen ist. So wie ein Lockruf der Nymphen: Folge meinem Ruf, es soll dir gefallen bei mir, folge meinem Ruf... Doch noch kann ich dem Werben um die Verheißungen des Meeres widerstehen. In ein paar Tagen wird das anders sein, doch das weiß ich in diesem Moment noch nicht. Da der ICE um 13:14 Uhr ein ICE 4 sein dürfte, auf den ich nun gar keine Lust habe, wird erstmal der Metzger/Fleischer/Schlachter (oder wie dieses Gewerbe in Nordhessen heißt) angesteuert. Dieser residiert im kleinen Einkaufszentrum neben dem Palast der vier Winde. Zum Glück gibt es an der "Heißen Theke" noch Mittagstisch. Das Ritual mit Registrierung und nur-jeden.zweiten-Tisch-besetzen beginnt, aber egal, das tote Tier schmeckt lecker und kompensiert auch das mehr oder weniger ausgefallene Frühstück heute früh.
Eigentlich soll man ja immer den nächsten Zug nehmen... Aber dem Werben des IC "Wattenmeer" widerstehe ich noch. Noch = sechs Tage. Ich weiß es nur noch nicht.


Der nächste in Frage kommende Zug ist dann ein guter alter ICE 1, moderat besetzt und mit einem freien Abteil extra für mich. Genau so habe ich mir das auch vorgestellt!
Gemütlich! Abteil im ICE1. Schade, dass danach fast nur noch Großräume gebaut wurden.


Unterwegs stelle ich fest, dass ich in Frankfurt am Main zufällig ziemlich exakt zu jener Zeit ankomme, zu der der erste modernisierte und wagenmäßig verkürzte ICE 1 auf den Plan treten müsste. Der hat genau heute seinen allerersten Einsatztag. So unterbreche ich die Fahrt erst einmal und schaue mir den kurze Zeit später bereit gestellten Bonsai-Einser an. Zugegeben, wirklich anders sieht er nicht aus. Nur drei Wagen kürzer als üblich. Aber die Hauptsache ist: Der Einser fährt weitere zehn Jahre weiter. Mit seiner Mischung aus Abteilen und Großraum oder dem Panorama-Speisewagen ist er nun einmal das Maß der Dinge im ICE-Verkehr. Auch, wenn die DB mit jeder unbequemeren und ausstattungsmäßig abgespeckten Nachfolge-Generation das Gegenteil behauptet.
Der erste kurze ICE 1 vor langen Häusern, darunter auch eines der DB (rechts).


Der Rest des Tages ist schnell erzählt: nach der Begegnung mit dem kurzen Erstling fahre ich direkt nach Hause zurück, wo dann die familiären Pflichten warten - im Guten wie im Schönen. Aber das kennt ihr ja sicher selbst.



Tage 7 und 8:
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Die nächsten Tag mache ich das, was mir die letzten beiden Tage - ja, selbst Schuld! - verwehrt blieb, nämlich: etwas ausschlafen. Ansonsten passiert bahnmäßig nicht so wirklich viel. Der Tag steht im Zeichen von lästigen Pflichten und Familie, wobei dies bitte natürlich nicht automatisch gleichzusetzen ist.



Tag 9:
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In Münster, nein, in Ulm das Münster. Auch lang (167 Meter): der höchste Kirchturm wo gibt.


Blick auf und um Ulm herum.


Faszination klassische Eisenbahn beim Lokwechsel in Ulm.


Und er fährt tatsächlich: Zug der Schwäbischen Alb-Bahn nach Pfullendorf, vor einer Woche planerisch vorbereitet vom Deich in Dagebüll.


Nebenbahn, analoge Bahnübergangs-Sicherung.


Künstliche Intelligenz mit ziemlich blödsinniger Anzeige. Merkt das denn keiner?


Zurück in Ulm. Nett war´s! Auf dem linken Zug steht fälschlicher Weise SWEG statt HzL.


Tag 10:
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Frisch reaktiviert, die Untere Wutachtalbahn in Stühlingen. Gleise verpflichten!


Schaffhausen, das schlechteste Foto der Tour. Warum habe ich das gemacht? Immerhin der Beweis: die Hochrheinstrecke führt durch die Schweiz.


Würzig: Singen am Hohentwiel. Sollte besser Würzburg heißen.


Hmm... jetzt aussteigen und da reinspringen... das wär´s!


Lindau, weiter Himmel, drei Länder.


Abteil im Bm des Alex. Mein Zuhause für die nächsten zweieinviertel Stunden.


Vertrauter Anblick von -zig-tausenden Bahnkilometern. Seitengang im Bm.


Durchs Allgäu, Sonne im Gesicht und Wind in den Haaren. Zugfahren kann so schön sein!


Immenstadt. Darüber der Hausberg des Allgäus, der Grünten.


Sommerabend in München. Hier beginnt der Süden!


München, Frauenkirche (ziemlich weitwinklig). Auch wenn ich gar keine Frau bin.


Tag 11:
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Nase putzen.


Der rote Intercity.


Wanderung durch die Felsenlandschaft im Altmühltal bei Kinding...


...leider akustisch überlagert vom Lärm der Autobahn. Gut, dass man diese Bilder nicht hören kann.


Sprung nach Thüringen: die Heulsuse hat ihren Intercity erfolgreich nach Gera gebracht. Herzlichen Glückwunsch!


Man wird sich doch mal etwas wünschen dürfen...


Berlin - da bin ich wieder! Gleich geht´s mit Julian in unsere Stamm-Pizzeria an der Plumpe.


Tag 12:
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Zeig´ mir deinen Bürgersteig und ich sag´ dir, wo du bist: Baumreihe zwischen Straße und Fußweg, dann die im 45°-Winkel gepflasterten Fußwegplatten - unverkennbar Berlin!


Petit dejeneur an Martinas Bistrotisch. Rechts der Leih-Kühlschrank.


Ab & zu gibt es sie noch: die Modelleisenbahn in Bahnhöfen, hier in Berlin-Lichtenberg. Leider gut versteckt im Untergeschoss.


Zwar ´n büschn spelunkig, aber solide und preiswert. Kleinel China-Imbiss in Bellin-Lichtenbelg.


Im Gegensatz zu Kassel gebe ich in Hamburg dem Werben des IC "Wattenmeer" nun nach und fahre kurzerhand nach Nordfriesland. Lokwechsel in Itzehoe.


Also... wieder am Meer (leider etwas nach rechts gekippt. Ablaufendes Wasser also). Und irgendwie wieder zuhause!


Backfisch im Backwerk.




Tag 13:
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Wer braucht da noch eine Modelleisenbahn im Keller?


Noch ein Blick auf Meer. Das muss jetzt erst einmal wieder reichen für ein paar Wochen im Binnenland.


Alle mit Maske. Zombie-Spiegelung unterwegs.


Dansk Gumminase in Rendsburg.


Noch ein Tausendfüßler, aber 117 Jahre alt.


Buxentown am Este-River.


Schmackhaftes Beiwerk zum Familienbesuch.


Buxtehude (gibt´s wirklich!), wo die Hunde mit dem Schwanze bellen...


...und wo Hase und Igel um die Wette liefen.


Inzwischen haben sich die Schleusen des Himmels geöffnet, als wollten sie aus Hase und Igel einen Seehas (den vom Bodensee) und zwei Seeigel machen. So fällt der Abschied etwas kürzer aus als geplant, als ich mich raschen Schrittes zum Bahnhof zurück bewege und dort noch den Eilzug nach Harburg zu erreichen versuche. Es gelingt sogar.

Mein Tagesziel ist irgendwo im Bereich Köln. Was ich da machen will weiß ich zwar noch nicht so genau, aber irgendwas wird sich bei den Nordrhein-Vandalen erfahrungsgemäß schon finden. Ich funke Michael an, denn der wollte sich nach eigener Aussage auch im Raum Köln herum treiben. Nein, er ist schon wieder zu Hause, schade.
In Harburg rollt kurze Zeit später der 11-Wagen-Intercity über die „Rollbahn“ nach Südwesten ein. Blöd nur, wenn man von der Firma DB einerseits dauernd mit der Gebetsmühlen-artigen Ansage „halten Sie Abstand“ malträtiert wird, im Zug der gleichen Firma dann aber ein kompletter 2.-Klasse-Wagen aus irgendwelchen Gründen abgesperrt ist. Das kommt im auslaufenden Berufsverkehr aus Hamburg hinaus nicht so wirklich gut an. In Bremen wird der Zug dann aber deutlich leerer, sodass ich in einem der Großraumwagen noch eine freie Sitzreihe finde. Wirklich kommunikativ ist das allerdings nicht, wenn man vor sich nur die aufragende Rückenlehne des Vordermannes sieht. Gespräche wie mit Svenja, Frau Gesine oder Albrecht wären in so einem Wagen jedenfalls nie zustande gekommen. Irgendwie geht der Eisenbahn da auch etwas verloren. „Menschen verbinden“ kann schließlich auch auf dieser Ebene erfolgen, nicht nur bei der Überwindung räumlicher Distanzen.

Als ich in Köln ankomme, wird es schon langsam dämmerig. Die gewählte Unterkunft hat den ersten Tag nach Corona wieder geöffnet. Der sehr freundliche Empfang tut sich noch ein wenig schwer mit den neuen Regeln, und ich muss mir zum x-ten Mal anhören, was man nun so alles darf und was nicht. Ich mache gute Mine zum langweiligen Spiel, gelobe, das Haus wirklich nur durch die Hintertür zu verlassen und den Lift mit nicht mehr als einer anderen Person zu nutzen. Irgendwann ist auch das geklärt. Ich streife noch ein wenig durch die Innenstadt, über der sich gerade ein mächtiges Gewitter zusammenbraut.
Wir lassen den Dom in Kölle, denn da gehört er hin (und der Hauptbahnhof auch, zumindest der Kölner).


Urbane Mobilität - ob sie sich durchsetzen wird?


Akkubus beim Vollsaugen.


Tag 14:
Tatsächlich hat mich der Regen aus Buxtehude in Köln eingeholt. Während ich den Schlaf der Gerechten schlafe, wird der Dom gegenüber einmal kräftig gewaschen. Den nämlich sehe ich aus meinem Zimmerfenster. Die Freude darüber am kommenden Morgen, dass auch der Himmel gewaschen wurde, währt nur kurz. Die blauen Flächen auf dem nächsten Bild...
Blick aus dem Zimmerfenster.


...werden leider alsbald von einer geschlossenen Wolkendecke abgelöst. Mit Lichtbildern wird das an diesem Tage also eher nichts. Auch das Motiv mit einem 420 und dem dahinter aufragenden Dom, aufgrund des Sonnenstandes sozusagen das Eröffnungsprogramm, muss mangels Sonnenstand noch einmal bei besserem Wetter in Angriff genommen werden.
Ach, du heiliger ET! Das ist nochmal bei schönerem Wetter fällig.


Nachdem es inzwischen auch noch leicht zu tröpfeln beginnt muss ich erkennen, dass ich hier heute offenbar nicht erwünscht bin. Pah! Aber so schnell wird man mich nicht los. Ich könnte zwar in die nächste Weißwurst nach Süden steigen und wäre in wenigen Stunden mit bis zu 300 km/h in Stuttgart angekommen. Aber da bin ich ja oft genug. So werde ich den Weg dorthin einmal auf weniger prominenten Pfaden abseits der Magistralen antreten. Zeit genug dafür habe ich jedenfalls, denn es ist gerade einmal neun Uhr durch. Die ersten Kilometer bis Hennef im Siegtal bediene ich mich jenes Gefährtes, das heute früh doch eigentlich Fotoobjekt hätte sein sollen: es ist der 420.
Kein Fotowetter. Also eingestiegen...


Leider kann man sich im Zug nicht hinsetzen, da das Fahrzeug nachts offenbar mit offenen Klappfenstern den Regenguss abgewartet hat. Jedenfalls sind die Sitzpolster alle feucht bis nass. Bäh! Das erklärt auch den hohen Anteil von 50% an Stehern in dem sonst leeren Zugteil. Der Wendehals vorne links dürfte nach dem Aufstehen so ausgesehen haben, als hätte er in die Hose gemacht.
...und mitgefahren. Wir fahren ins Siegtal.


Ab Hennef geht es in einem Stoppeldockzug noch ein paar Stationen Sieg-aufwärts bis Au. Einer der kürzesten Bahnhofsnamen in Deutschland. Und damit er sich nicht so mickerig vorkommt, heißt er offiziell "Au (Sieg)".
Unterwegs im Siegtal. Hier die Partnerstadt von Frauchen.


In Au, gelegen im Bereich des Dreiländerecks NRW/Hessen/Rheinland-Pfalz, steige in den Lint-Dieseltriebwagen der Hessischen Landesbahn um. Der Unternehmensname deutet schon einmal auf das Zielgebiet des Zuges hin. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg - nicht unbedingt räumlich, aber zeitlich. Die Unterwesterwaldbahn hinunter nach Limburg, die ich zuletzt mit Schienenbussen bereist habe (oh je, lange her), ist zwar wirklich eine bezaubernde Nebenstrecke durch das Hinterland. Auch Devotionalien der klassischen Eisenbahn wie Formsignale und Telegrafenmasten säumen wie selbstverständlich die Strecke. Der einzige Schönheitsfehler ist, dass es in einem sehr verhaltenen Tempo vorwärts geht. Oder anders: der Zug fährt aufreizend langsam. Für den, der da jeden Tag mitfahren muss, ist das sicher nicht wirklich geil.
Geile Bahnfahrt durch den Westerwald. Leider ´n ziemliches Gezockel.


Mir ist´s egal. Ich schaue aus dem Fenster und habe Zeit. Da es draußen zwischen einzelnen sonnigen Abschnitten auch immer mal wieder nass von oben kommt, habe ich auch kein Verlangen, den Zug zu verlassen.
Oh du schö-hö-hö-hö-hö-ner Westerwald (Eukalyptusbonbon): Westerburg mit totem Viadukt, der irgendwann mal zusammenbricht und jemandem auf dem Kopf fällt. Und dann will es wieder keiner gewesen sein..


Oh du schö-hö-hö-hö-hö-ner Westerwald (Eukalyptusbonbon): Aumenau mit Schloss.


In ganz Europa sind die Abfahrtspläne gelb. Warum sind sie in Südhessen weiß und sehen aus wie Ankunftspläne?


Zug der Hässlichen Hessischen Landesbahn (links) und eine der größten mobilen Behindertentoiletten der Welt (rechts).


Der Tebartz-van Elst-Dom zu Limburg. Nach der Predigt kann man mit dem Auto zum Beispiel nach Bad Schwalbach, Diez, Runkel oder ins Hotel Zimmermann (3. Straße links) fahren.


Willkommen in Limburg Hauptbahnhof. Hinten: Bundesbahn-Bahnsteig, 76 cm. Mitte: DBAG-Bahnsteig, 55 cm. Vorne: irgendwas uraltes, 38 cm.


Die HLB-629 fahren noch? Wusste ich gar nicht!


We apologize for travelling with Deutsche Bahn!


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