Azzurro, Abruzzo...

Mit dem Zug durch die unbekannte Mitte Italiens - längs des Gebirges

Von Italien kennt man, neben den bekannten Städten wie Rom oder Venedig, zumeist nur die Küstenregionen, den Norden (Südtirol und die Alpen) und die Inseln (Sizilien, Sardinien). Ziemlich unbekannt ist die Mitte des Landes, also der Gebirgszug des insgesamt 1.500 km langen Apennin etwa auf Höhe Roms und Neapels. Für den Eisenbahninteressierten gibt es hier nicht nur die das Gebirge von Küste zu Küste überquerenden Strecken, sondern auch einige in Längsrichtung, quasi parallel zum Gebirgskamm, verlaufende Nebenbahnen. Diese ließen zuvor bei der Reise mit dem Finger auf der Landkarte ein interessantes Landschaftserlebnis erwarten - noch, denn das Angebot auf einigen dieser Strecken wurde in den letzten Jahren empfindlich reduziert oder gar eingestellt. Ein guter Grund, im März 2011 in diese unbekannte Region Italiens zu fahren, kombiniert mit einem Abstecher zu der etwas südlich verlaufenden "Ferrovie Appulo Lucane" - einem rund 200 km langen Schmalspurnetz zwischen der appulischen Adriaküste (Bari) und dem südlichen Apennin.


Italien ist lang und schmal, der Weg in den Süden lang. Den Strecke in Richtung Stiefelabsatz legten wir daher im Schlafwagen mit einer "Inter-City-Notte" - trotz phonetischer Verwandschaft keine schnelle käufliche Liebe, sondern ganz einfach ein Nachtzug - von Mailand nach Foggia zurück, wo die Nacht jedoch schon um 5:30 Uhr zuende war. Der bereits am Nachbarbahnsteig wartende Anschlusszug über die nichtelektrifizierte Hauptbahn nach Potenza, 150 km weiter südwestlich im Landesinneren am südlichen Apennin gelegen, war jedoch keiner der allgegenwärtigen ALn 663- oder 668-Triebwagen, sondern ein Lok-bespannter Zug mit einem Italo-Diesel namens D445 des Baujahres 1986 und drei Reisezugwagen – und das, wie wir später feststellen, nicht ohne Grund: Bei einer Ankunft gegen 7:30 Uhr in Potenza wurde er im Zulauf auf Potenza von unzähligen Schülern gestürmt.
Die Fahrt von Foggia nach Potenza führte nach einem Stück durch die flache Küstenebene durch eine überraschend hügelige Landschaft, bei der der Zug erstaunlich an Höhe gewann und dabei grandiose Panoaramablicke in die Täler ermöglichte. Immer wieder wurden kleine Tunnel durchstoßen. Insgesamt erlebten wir im Licht der aufgehenden Sonne eine abwechslungsreiche Fahrt, die wir im Vorland des Apennin so nicht erwartet hätten. Nur mit den eigentlich erwarteten Frühlingsbotschaftern wie blühenden Bäumen war es noch nicht so weit wie gedacht - da zeigte sich Mutter Natur in der Freiburger Bucht, weit über 1.000 km weiter nördlich, eine Woche vorher schon wesentlich bunter.
In diesem Zug fuhren wir bis etwa 15 km vor Potenza mit.





Kurz vor Potenza liegt der einsame Bahnhof Avigliano Luciana. Hier stößt die FS-Strecke auf die 950-mm-Schmalspurbahn der Ferrovie Appulo Lucane von Bari nach Potenza nebst eines Abzweiges nach Avigliano Citta (siehe auch das obige Bild mit dem FS-Zug, die Schmalspurzüge halten im rechten Bahnhofsteil). Außerdem gibt es hier einen Capo Statzione, der sich bei unserem Auftreten ebenfalls als Eisenbahnfreund outete, ein paar Tipps zu den uns unbekannten Streckenführungen mit Kehren und Tunnels rund um seinen Bahnhof gab und interessiert unsere Kameras inspizierte. Überhaupt sind wir auf der ganzen Fahrt fast ausschließlich auf ausgesprochen freundliche, herzliche Menschen gestoßen - Besucher, zumal aus dem Ausland, sind hier wohl wirklich eine absolute Rarität.
Weiter nach Potenza geht es auf einem Dreischienengleis, welches die Schmalspur gemeinsam mit der Normalspur nutzt. Gerade braust einer der letzten Altbau-Triebwagen (Breda 1965) ziemlich beschmiert gen Potenza. Wer hier wohl für den Streckenunterhalt zuständig ist? Und wer für die gemeinsam genutzte linke Schiene?





Dieser Triebwagen war zum Glück auch das einzige besprayte Fahrzeug auf unserer Reise. Von innen sieht der Oldtimer auch wesentlich gepflegter aus und hat sich seit 45 Jahren jeglichem Zeitgeist erfolgreich widersetzt. Stadtauswärts von Potenza nach Avigliano Stadt ist morgens um 8:30 Uhr allerdings nicht viel Betrieb.





Nahe der Station Potenza Superiore im Stadtgebiet von Potenza entflechten sich Normal- und Schmalspurgleise wieder und führen auf getrennten Wegen nach Potenza Inferiore (heute Potenza Centrale). Inferior und Superior haben im italienischen übrigens nichts mit den aus der Mikroökonomie vielleicht bekannten Begriffen zum Nachfrageverhalten in der Haushaltstheorie zu tun: "Superiore" ist ganz profan der Obere Bahnhof, "Inferiore" der Untere Bahnhof.
Die Schmalspurbahn übernimmt in Potenza die Funktion einer Art Stadtbahn und hält alle paar Hundert Meter an insgesamt sechs Stationen im Stadtgebiet. Mitunter fahren die Züge hier im 20-min-Abstand. Dem süditalienischen Klischee entsprechen zwei weitere Haltepunkte im Stadtgebiet, welche zwar fertig gestellt, aber nie in Betrieb genommen wurden und nun vor sich hin bröckeln, während der Triebwagen ohne Halt vorbei fährt. Wir sehen einen der neuen Fiat-Triebwagen, der innen mit dezenter LED-Beleuchtung und Plüschsitzen einen ausgesprochen wohnlichen Eindruck macht, in den Häuserschluchten von Potenza. Gleich wird er an dem am inferioren Bildrand erkennbaren Haltepunkt Potenza Rione Mancusi, der immerhin in Betrieb gegangen ist, einen kurzen Halt einlegen.





Am Nachmittag starten wir zurück in Richtung Norden. Mitten in den Abruzzen, einem ziemlich unbekannten und daher erst recht interessanten Teil des Apennin-Gebirges etwa auf Höhe Roms, liegt das Städtchen Sulmona. Wahrzeichen in der prächtig erhaltenen Altstadt ist ein Aquädukt aus der Römerzeit quer über den zentralen Garibaldi-Platz.





Am nächsten Morgen besteigen wir einen der allgegenwärtigen ALn-Triebwagen der Baureihe 663 oder 668. Hier ein noch nicht modernisiertes Exemplar von innen.





In diesem Bereich des Apennin gibt es einige Strecken, die das Gebirge nicht nur von Ost nach West überqueren, sondern in spektakulärer Trassierung in Längsrichtung auf ihm entlang verlaufen. Nach dem Bahnhof Brenner wird hier mit über 1.200 Metern über dem Meer auch der zweit-superiorste Punkt des italienischen Schienennetzes erreicht. Hier ist auch auf Höhe Roms im März noch Wintersport möglich, der in Bildmitte über der Stadt erkennbare Skilift in Betrieb – und es morgens um 7:30 Uhr noch bitterkalt...





Sonnenaufgang in den Abruzzen.





Leider fahren nur (noch) zwei Zugpaare auf dieser imposanten Strecke. In weiten Schleifen, auf Galerien entlang der Gebirgshänge und mit Tunnels und Viadukten gewinnt der Schienenstrang an Höhe. Was jedoch zum gelungenen Eindruck auf einer Fahrt über die Strecke fehlt, sind die Fahrgäste: auf unserer Fahrt hinauf von Sulmona zum Endpunkt Castel di Sangro (die Weiterführung nach Isernia an der Hauptbahn nach Napoli wurde 2010 „wegen Sanierungsarbeiten“, von denen allerdings nichts zu erkennen war, eingestellt) waren wir auf längeren Abschnitten die einzigen Fahrgäste im Zug. Bei einer für eventuelle Ausflügler aber völlig unakzeptablen Abfahrtszeit morgens um 6:32 Uhr in Sulmona in die Berge braucht man sich über die recht verhaltene Nachfrage allerdings auch nicht zu wundern. Vielleicht sitzen ja im zweiten Zug des Tages, kurz vor 16 Uhr ab Sulmona, ein paar mehr Fahrgäste. Es drängt sich jedoch die Frage auf, wie lange der Netzbetrieber RFI für zwei Zugpaare am Tag diese aufwändige Strecke - und dies in einem überraschend guten Zustand - unterhalten will.





Endbahnhof Castel di Sangro, kurz "CdS" oder zu deutsch ziemlich martialisch "Burg des Blutes", mitten in den Abruzzen. Einst trafen hier drei Strecken, darunter die elektrifizierte Privatbahn "Sangritana" von der Adria hinauf, zusammen. Heute muss man sich die Frage stellen, wie lange wenigstens noch der Triebwagen aus Sulmona zweimal am Tag den Rost von den Gleisen abfährt. Entlang des hinten zu erkennenden Berghanges ist der Zug vor über 10 min ins Tal gefahren. Der Bus nach Sulmona ist auf der günstiger trassierten Staatsstraße wesentlich schneller.





Die auf der Schiene 2010 eingestellte Weiterführung nach Süden, auf der bis 2010 immerhin "Hecken-Personenzüge" Pescara - Sulmona - CdS - Isernia - Napoli verkehrten, legten wir im Schienenersatzverkehr zurück. Dieser wurde durch einen siebensitzigen VW-Bus dargestellt, in welchem wir bis auf ein kurzes Stück wiederum alleinige Fahrgäste waren. Über enge Passstraßen ging es parallel zur eingestellten Bahnstrecke (die den Pass allerdings in einem Tunnel unterquert) in Richtung der Stadt Isernia.

Im Bahnhof Carpinone trafen wir dann auf die das Gebirge querende Strecke Rom/Napoli – Isernia – Carpinone - Campobasso - Termoli an der Adria-Küste, auf der ein vergleichsweise dichter Zugverkehr stattfindet. Größter an dieser Linie Ort ist Campobasso (zu deutsch: Unterfeld), welcher straßenbahnähnlich durchfahren wird. Hier bringt ein aus Termoli kommender Triebwagen den innerstädtischen Straßenverkehr vom Campobasso kurzzeitig zum Erliegen.





Blick in die Sonne: Etwas weiter westlich rollt vor der Kulisse des mittleren Apennin eine dreiteilige ALn-663/668-Garnitur talwärts – sie wird sogar bis Rom durchfahren. Die jeweils einteiligen Triebwagen können mittels Faltenbälgen an den Führerständen zu durchgehend begehbaren Zügen gekuppelt werden.





Größtes Bauwerk der Strecke ist der Viadukt in Isernia. Auf dieser Strecke fahren auch die vergleichsweise modernen, dreiteiligen „Minuetto“-Neubautriebwagen, die in etwa dem DB-Talent entsprechen. Allerdings lässt deren Motor die Fahrgäste ziemlich lautstark an der Verrichtung seiner Arbeit teilhaben, was uns sogleich an den germanischen Brummzug namens 612 erinnerte und den Fahrgenuss doch etwas trübte.





So sieht der „Minuetto“ innen aus. Auf dem Infodisplay werden neben den üblichen Anzeigen über die nächste Station etc. zwischendurch auch die Vorzüge des neuen (lauten) Zuges hervorgehoben. Auf der in Campobasso abzweigenden, ebenfalls nur von zwei Zügen am Tag befahrenen und wieder längs zum hier nicht mehr ganz so superioren Gebirgskamm verlaufenden Strecke nach Benevento hält sich der Publikumsandrang aber ebenfalls stark in Grenzen - kein Wunder, wenn die FS zeitgleich zum Zug einen Schnellbus über die parallele Landstraße auf die Reise schickt.





Weiter im Süden, etwa auf Höhe Napoli, quert die Hauptbahn von Foggia das Land in Ost-West-Richtung. Ein „Eurostar Italia“-Neigetriebzug rollt nahe Benevento noch mit gebremstem Schaum durch die Bergwelt, bevor er im Zulauf auf Rom auf 250 km/h beschleunigen kann. In der Ewigen Stadt ist unsere Reise durch Italien dann zuende, denn hier besteigen wir den Nachtzug nach München.





Ausschnitt aus der Strecken-Schema-Karte des FS-Kursbuches Mittel-/Süditalien mit den im Bereich genannten Orten und Strecken:

www.desiro.net